Wieder was gelernt (Oma Betty)

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Wieder was gelernt (Oma Betty)

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty sucht den Frühling

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Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hinwill, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

© Regina Meier zu Verl

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Oma Bettys Feenorakel

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Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Weiberfastnacht

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Weiberfastnacht

 

„Ich lach mich kaputt!“ Oma Betty wedelt sich mit den Händen Luft ins Gesicht, damit die Lachtränen keine Chance haben. Doch es ist bereits zu spät. Dicke Krokodilstränen kullern aus ihren Augen und zerstören eine halbe Stunde sorgfältiges Arbeiten vor dem Spiegel.
„Ausgerechnet heute …“, kräht Oma Betty. „Wo doch der Bürgermeister …“ Sie bricht ab und rennt ins Badezimmer, kommt aber gleich darauf mit dem Zehnfach-Vergrößerungsspiegel zurück. Fassungslos betrachtet sie ihr Spiegelbild und dann geht es wieder los, zuerst ein Glucksen nur, das aber schwallartig zu einem Lachanfall besonderer Güte wird.
„Was ist mit dem Bürgermeister?“, will ich nun wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, was der damit zu tun haben könnte, dass Oma so aus der Fassung gerät.
„Er hat mich eingeladen!“, seufzt Oma und schlagartig verändert sich das Lachen und weicht einem Schluchzen.
„Was ist daran so lustig?“, frage ich vorsichtig und tätschele ihren Oberarm, um sie zu beruhigen.
„Nichts!“, stottert Oma. Sie nimmt ein Tempotuch und versucht die schwarzen Streifen, die ihr gepudertes Gesicht zieren wegzuputzen. Wenn ich das richtig beurteilen kann, macht sie es dadurch noch schlimmer. Mittlerweile ist ihr Gesicht gerötet. Wieder und wieder spuckt sie auf das Tuch und putzt und reibt verzweifelt.
„So soll der mich nicht sehen!“, jammert sie und wirft das Tempotuch in die Ecke. „So nicht!“
Das verstehe ich. So würde ich mich auch nicht gern sehen lassen. Ich frage mich nur, warum sie diesen Aufwand betreibt. Also frage ich mal nach:
„Oma, warum bleibst du nicht einfach so wie du bist. Ich finde dich voll okay!“, sage ich und warte ab.
„Meinst du?“, sagt sie zögernd und versucht, ihrem Spiegelbild zuzulächeln. In zehnfacher Vergrößerung sieht das wohl besonders lustig aus, denn prompt lacht sie wieder los.
Ich kann mich nun auch nicht mehr zusammenreißen und dann lachen wir beide Tränen.
Als wir uns beide wieder beruhigt haben holt Oma einen Waschlappen und wischt die Reste ihrer Malaktion ab. Der Lappen ist braun-schwarz-blau, igitt.
„Ich geh einfach nicht hin!“, sagt Oma. „Da kommen genügend andere, außerdem kennt er mich gar nicht!“
„Wer?“
„Der Bürgermeister!“
„Dann iss ja gut!“, meine ich und insgeheim bin ich froh, dass sie zu Hause bleibt. Ich habe nämlich heute frei. Ist ja Weiberfastnacht und zum Bürgermeister muss ich auch nicht, der hat nämlich die Frauen eingeladen – alle. Und ich bin nun mal ein Mann, ein kleiner, aber immerhin!

Worüber Oma anfangs so gelacht hat, das habe ich noch nicht rausbekommen. Ich bleibe aber am Ball, versprochen.

 

© Regina Meier zu Verl

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Überredet

 

Überredet

 

Irgendwie schaut mein Frauchen heute etwas traurig aus der Wäsche. Was ist nur mit ihr los? Sie macht auch keine Anstalten, mich endlich für den Spaziergang anzuleinen. Das ist seltsam. Sonst sind wir um diese Zeit längst unterwegs. Ich müsste auch mal dringend pieseln.
Sie sitzt da auf ihrem Sessel und macht nichts, sie liest nicht, sie strickt nicht, sie telefoniert nicht. Ungewöhnlich ist das und so langsam mache ich mir echt Sorgen.

Da, jetzt legt sie schon wieder die Hände auf ihren Bauch und stöhnt. Ob sie Bauchschmerzen hat, so wie ich neulich?
Ich lege ihr meinen Kopf aufs Knie und versuche sie zu hypnotisieren. Gequält lächelt sie mich an und krault mich ein wenig hinter den Ohren. Das tut gut, aber es reicht nicht. Ich will raus! Jetzt!

Wäre ich noch etwas beweglicher, dann würde ich ihr auf den Schoß springen. Aber das kann ich nicht mehr, es ist schon blöd genug, dass ich nicht einmal mehr aufs Sofa kann. Dort war es immer so schön gemütlich, besonders dann, wenn Frauchen und ich gemeinsam dort lagen.

Wir sind zwei alte Damen, mein Frauchen und ich. Aber ich finde, dass wir beide noch ganz passabel aussehen und im Großen und Ganzen sind wir auch gesund, meist jedenfalls.
Ob ich einfach mal meine Leine holen sollte?
Doch, die hängt an der Garderobe und ich komme nicht dran. Ob es hilft, wenn ich sie anbelle, die Leine? Einen Versuch ist es wert. Also dann!

„Was machst du denn für ein Getöse, Emmi?“, fragt Frauchen. Endlich steht sie auf, seufzt, zieht ihre Schuhe an und die dicke Jacke. Dann befestigt sie die Leine an meinem Halsband und dann habe ich erreicht, was ich wollte. Es geht raus an die frische Luft. Das tut uns beiden gut. Frauchens Wangen röten sich sogar ein wenig.
„Hast recht gehabt, Emmi, nach draußen zu gehen war die beste Idee des Morgens. Schau mal, wie herrlich die Sonne scheint!“
Nach dreimaligem Pieseln und einmal „Ihr wisst schon was“, gehen wir noch ein Stückchen weiter. Hach, wie gut, dass ich mich durchgesetzt habe. Frauchen kann froh sein, dass sie mich hat!
„Wie froh ich bin, dass ich dich habe“, sagt Frauchen in diesem Moment. „Ohne dich hätte ich mich heute nicht aufraffen können!“

„Sag ich doch!“, denke ich und springe an ihr hoch. Wir tun uns gut, wir beide, echt!

 

© Regina Meier zu Verl

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Aus Omas Wollkorb

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Aus Omas Wollkorb

„Oma, in meiner Klasse ist einer, der sagt jedes Mal, wenn wir unsere Schuhe an der Klassentür ausziehen: So schöne Socken hätte ich auch gern mal!“, erzählt Philip.
„Ja? Dann mag er wohl selbst gestrickte Socken auch so gern wie du?“ Oma freut sich. Sie strickt für ihr Leben gern Socken und besonders gern für Philip, der das zu schätzen weiß. Seit er klein war, hat sie für ihn gestrickt und er trägt die bunten Fußwärmer fast das ganze Jahr.
„Er hat aber keinen, der ihm welche stricken kann, sagt er!“, erzählt Philip weiter.
„Der Arme!“, bedauert Oma den Unbekannten.
„Ja, finde ich auch. Dabei hat er immer so kalte Füße und neulich hatte er sogar ein Loch im Socken.“

Philip sortiert die Wollknäuel in Omas Handarbeitskorb nach Farben.
„Ein Loch in der Socke ist unangenehm!“, meint Oma.
„Sehr!“, sagt Philip und fischt ein neongrünes Restknäuel aus dem Korb. „Wenn ich stricken könnte, dann würde ich ihm wohl ein Paar stricken, Oma. Ich mag ihn sehr gern!“
Oma schweigt und klappert mit den Nadeln.
„Weißt du seine Schuhgröße?“, will sie dann von Philip wissen.
Der schüttelt den Kopf. „Nee, weiß ich nicht, aber ich könnte ihn fragen. Allerdings …“
„Ja?“
„Dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Ich würde ihn gern überraschen, weißt du?“
Oma grinst. Längst hat sie gemerkt, worauf das Gespräch hinauslaufen wird, aber sie lässt den Philip noch ein wenig zappeln.
„Ich könnte dir das Stricken beibringen!“, schlägt sie vor. Philips Mundwinkel wandern nach unten. So hat er sich das nicht vorgestellt.
„Ja, das könntest du, aber es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich ein Paar gestrickt hätte. Sicherlich wäre dann schon Sommer und dann ist er nicht mehr da, er zieht nämlich um!“
Oma legt das Strickzeug zur Seite. Viel zu gern würde sie ein Paar Strümpfe für Philips Freund stricken. Der arme Junge soll doch nicht weiterhin mit löchrigen Socken im Unterricht sitzen.
„Sag doch einfach, was du willst, Philip! Das spart Zeit!“, schlägt sie vor und wartet ab.
„Würdest du mir ein Paar stricken, Oma?“
„Na bitte, geht doch!“ Oma lacht. „Dann müssen wir nur noch die Schuhgröße herausbekommen und es kann losgehen!“
„Oma, du bist die Beste. Gleich morgen schaue ich unter seine Schuhe, da steht doch immer die Größe, stimmt’s?“
Oma nimmt ihr Strickzeug wieder auf. In Gedanken sortiert sie schon ihre Wollreste. So ein Paar Kindersocken sind ja schnell gestrickt. Wenn sie sich beeilt, dann kann Philip seinen Freund schon nächste Woche damit erfreuen.
„Sag mal Philip, wie heißt denn dein Freund eigentlich?“, will Oma noch wissen.
„Er heißt Herr Müller und ist unser Sportlehrer!“, sagt Philip fröhlich.

Oma sieht einen jungen, riesigen Mann vor sich, der mindestes Schuhgröße 46 haben wird und da liegt sie gar nicht so falsch. Aber: versprochen ist versprochen, denkt sie sich und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl

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Krümelkinder

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Hier war wohl das Mäuschen schneller.

Krümelkinder

„Na du, wartest du auf den Bus?“, fragt die Taube Tilli die Amsel, die sich gerade neben ihr auf dem Wartehäuschen niedergelassen hat.
„Auf den Bus? Wie kommst du darauf? Ich brauche keinen Bus, ich kann doch fliegen!“, antwortet diese und kichert. Dieses Kichern klingt wie eine schöne Melodie.
„Worauf wartest du dann?“, will Tilli wissen.
„Auf den Frühling, meine Liebe, und du?“ Die Amsel schüttelt ein paar Wassertropfen von ihrem Gefieder.
„Ich warte auf die Kinder. Sie müssen gleich aus der Schule kommen!“ Tilli späht aufgeregt von rechts nach links und wieder zurück.
„Und dann?“, fragt sie die Taube. „Was hast du vor mit den Kindern?“
„Mit ihnen habe ich nichts vor. Ich warte darauf, dass sie ihre Butterbrote auspacken und dann ist meine Zeit gekommen!“ Tilli lacht gurrend, eine gewisse Vorfreude ist ihr anzumerken. Die Amsel schaut Tilli verständnislos an.
„Wieso? Warum?“, fragt sie neugierig.
„Na, sie packen ihre Brote aus und dann krümeln sie! Ich liebe Kinder, die krümeln. Sie haben ein Herz für uns Vögel!“, erklärt Tilli. Langsam beginnt die Amsel zu verstehen.
„Aha, und dann pickst du die Krümel auf!“, lacht sie. „Aber sag: Reicht das denn für eine Mahlzeit?“
„Mal ja, mal nein. Man darf halt die Hoffnung niemals aufgeben!“ Das klingt ernst. Der Amsel tut das leid, sie selbst hat großes Glück in diesem Winter, sie hatte immer etwas zu essen gefunden.
„Wie heißt du eigentlich?“, will Tilli nun von der Amsel wissen.
„Ich heiße Alice, so wie die Alice aus dem Wunderland!“, flötet die Amsel.
„Alice, heute ist dein Glückstag!“, ruft Tilli fröhlich aus. „Ich lade dich zum Essen ein!“
In diesem Moment kommt eine Schar aufgeregt schwatzender Schüler auf die Bushaltestelle zu. Sie setzen sich auf die Bank im Unterstand und packen, genau wie Tilli es vorausgesagt hatte, ihre Pausenbrote, oder das, was davon übriggeblieben ist, aus. Ja, und sie krümeln was das Zeug hält. Tilli läuft das Wasser im Schnabel zusammen, doch noch traut sie sich nicht hinunter. Erst als der Bus alle Kinder aufgenommen hat, fliegen die beiden Vögel auf den Boden und picken die Krümel auf. Tilli findet sogar ein riesiges Stück Brotkruste, das sie mit ihrer neuen Freundin teilt.
Zum Dank dafür singt Alice ein herrliches Frühlingslied und wenn ich mich nicht irre, dann habe ich die beiden gerade in trauter Einigkeit auf meiner Terrasse entdeckt. Dort habe ich nämlich eine Handvoll Sonnenblumenkerne verstreut, wie jeden Morgen.

© Regina Meier zu Verl

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Mitleiden

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Dem Protagonisten in meinem neuen Projekt geht es derzeit nicht gut. Nun sollte ich mich als Autorin ja gut in ihn hineinversetzen können, um realsistisch erzählen zu können, was da gerade los ist. Ob es unbedingt nötig ist, dass ich mir seine Viren eingefangen habe und nun selbst drei Tage flachgelegen habe, lässt mich zweifeln. Wenn das so sein müsste, dann sollte ich schleunigst eine Geschichte über eine Frau schreiben, die im Lotto gewinnt – nur mal so als Test!

Ich berichte dann, was draus geworden ist – Hatschi …

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Sauer macht (nicht) lustig

Ich wollte am Wochenende ein kleine Geschichte schreiben, die ursprünglich ganz anders geplant war, sich dann aber verselbständigte. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Ich lasse sie einfach so und schreibe eine andere mit dem eigentlich geplanten Thema. 🙂

Sauer macht (nicht) lustig

 
Wir saßen gerade gemütlich beim Frühstück zusammen, als unser Familienhund Fritz plötzlich die Ohren spitzte, aufsprang und zur Haustür lief.
„Das ist sicher die Post!“, sagte Papa, der das Klappern der Briefkastenklappe auch gehört hatte. „Fritz, es ist gut, ich schaue gleich nach!“, rief er dem Hund nach, sprang ebenfalls auf und lief in den Flur.
Mama schüttelte verärgert den Kopf. Sie hasste es, wenn einer aufstand bevor das Frühstück beendet war. Besonders am Samstag, dem einzigen Tag in der Woche, an dem alle zusammen am Tisch saßen.
Papa kam mit einigen Briefumschlägen zurück, setzte sich wieder an den Tisch und hielt mir seine Kaffeetasse auffordernd hin. „Matze, könntest du mal bitte …“, sagte er und setzte seine Lesebrille auf.
‚Immer ich!‘, dachte ich, schenkte ihm aber Kaffee ein, ohne zu kleckern, was nicht so oft gelang. Wohlwollend lächelte Papa. „Danke schön!“
Er schien bestens gelaunt, schob sich noch den Rest seines Brötchens in den Mund, sah in die Runde und widmete sich dann den Briefen.
„Hermann, wir sind noch nicht fertig!“, schimpfte Mama und nahm sich demonstrativ noch eine Scheibe Vollkornbrot aus dem Brotkorb.
„Iss ruhig, das stört mich nicht.“, sagte Papa und erntete einen Saurezitronenblick von Mama. Sie schluckte, wollte aber keinen Streit anfangen.
Papa legte zwei Briefe zur Seite. „Das sind Rechnungen!“, sagte er. „Die mache ich erst am Montag auf, sonst verhageln sie mir die Laune!“ Dann nahm er seinen Eierlöffel, schob den Stiel in die Umschlaglasche und öffnete den nächsten Brief. Er las, schüttelte kurz den Kopf, steckte das Schreiben dann wieder in den Umschlag zurück und legte ihn zu den Rechnungen.
„Na?“, sagte Mama. „Auch ein Hagelbrief?“ Ich trat unter dem Tisch nach Jules Schienbein, gespannt, was passieren würde.
„Aua! Der tritt mich!“, schrie Jule. Das war zu viel für Papa, zuerst dieser Brief, von dem keiner wusste, was drinstand und dann wir ungezogenen Kinder. Er lief krebsrot an im Gesicht, schnappte nach Luft und verließ die Küche.
„Das war’s dann wohl mit dem gemütlichen Wochenendfrühstück!“, meinte Mama und griff nach dem Brief, faltete den Bogen auseinander, las und dann lachte sie und konnte sich gar nicht wieder beruhigen.
„Was ist denn los, Mama?“, wollte Jule wissen. Ich natürlich auch. Gespannt warteten wir auf eine Erklärung, aber Mama war nicht in der Lage zu reden. Immer wieder lachte sie, bis ihr die Tränen kamen vor Lachen. Sie hielt mir das Schreiben hin und stammelte: „Lies vor, Matze!“
Der Brief war vom Karnevalsverein ‚Sauer macht lustig‘, in dem meine Eltern Mitglieder waren. Das konnte ich dem Briefkopf entnehmen. Ich las weiter: „Unser lieber Andy Wolke, der in diesem Jahr wieder seine berühmte Büttenrede halten wollte, hat leider einen Skiunfall erlitten. Es geht ihm soweit gut, aber ein Bein ist gebrochen und er wird am Karnevalssamstag nicht bei uns sein können. Doch was ist eine Karnevalsveranstaltung ohne Büttenrede? Deshalb haben wir uns im Vorstand beraten und bitten nun dich, lieber Hermann, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Du scheinst uns als einziger geeignet zu sein, den Andy würdevoll zu vertreten!“
Jetzt verstand ich, warum Mama so lachte. Unser Papa sollte also eine Büttenrede halten. Papa, der nicht einmal einen Witz ordentlich erzählen konnte, ohne sich selbst dabei kaputt zu lachen.
„Ihr müsst gar nicht so blöde lachen!“ Papa war zurückgekommen. „Meint ihr, ich weiß nicht selbst, dass ich das nicht kann?“, fragte er. „Ich und eine Rede halten, Gott bewahre! Ich könnte nicht einmal einen Text ablesen, ohne mich zu verhaspeln. Nun frage ich mich, wie die ausgerechnet auf mich gekommen sind!“
Nun tat er uns schon fast wieder leid, wie er so dastand mit bleichem Gesicht und Fragezeichen in den Augen.
„Die können das selbst alle nicht, jetzt suchen sie halt jemanden, dem sie diese Rede unterjubeln können!“, meinte Mama nachdenklich.
„Ich werde mal Peter anrufen, vielleicht weiß der mehr!“, beschloss Papa und ging in sein Arbeitszimmer. Mama folgte ihm und Jule und ich räumten in trauter Einigkeit den Tisch ab. In schwierigen Situationen muss eine Familie zusammenhalten, das wussten wir.
Später erfuhren wir, dass der Peter ein ebensolches Schreiben bekommen hatte, der Frank auch und sogar der Johannes, der nie ein Wörtchen sagte, weil er so stotterte, hatte diese Aufforderung bekommen.
„So eine Unverschämtheit!“, wetterte Papa. Wir erfuhren, dass insgesamt zehn Leute aus dem Verein dieses Schreiben bekommen hatten. „Da du uns als einziger geeignet scheinst, bla bla bla …“, schimpfte Papa weiter. „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“
Bisher hatte ich geschwiegen, vorsichtshalber. Dann aber hatte ich eine Idee, vielleicht war sie blöd, aber ich musste es wagen:
„Papa, ich habe eine Idee, wie ihr es denen mal so richtig zeigen könnt!“, sagte ich.
„Schieß los!“
„Was wäre, wenn ihr alle zusagen würdet, alle Zehn? Dann käme euer Vorstand ganz schön in Bedrängnis, wie sie sich da wohl rauslügen würden?“, fragte ich.
Papas Mundwinkel schnellten in die Höhe, seine Augen leuchteten. „Mein Sohn, du bist ein Genie!“, sagte er und dann rief er den Peter wieder an und der den Frank und der Frank den Johannes und so weiter. Mein Vorschlag schlug ein wie eine Bombe, ich war mächtig stolz.
Die Männer verabredeten, dass alle pünktlich um 13.00 Uhr eine Email an den Vorstand des Vereins losschicken wollten. Der Johannes kam extra zu uns, weil er selbst kein Internet hatte. Papa richtete ihm eine Mailadresse ein und dann drückten alle um Punkt Eins auf den Knopf „Absenden“.

 
Ferdi Kuhn lag, eingehüllt in einen weißen Bademantel, im Ruheraum der Sauna, als ein schrilles Piepen seines Smartphones den Eingang einer Email ankündigte. Er zog das Handy aus der Tasche und öffnete sein Mailprogramm. „Sie haben zehn neue Nachrichten“, stand da. Er öffnete eine nach der anderen Nachricht, dann brach ihm der Schweiß aus. Sein Gesicht wurde hochrot und er schnappte nach Luft.
„Ferdi? Alles okay?“, fragte seine Frau, die auf der Liege neben ihm lag.
„Nichts ist okay!“, jappste Ferdi. „Sie haben alle zugesagt! Ich bin ein Idiot, dass ich deinen Vorschlag angenommen habe!“
„Und jetzt?“, fragte Moni.
„Sag du es mir!“ Ferdi war außer sich.
„Es ist ja wohl offensichtlich, dass sie sich abgesprochen haben. Wie sonst könnten alle Zusagen zum gleichen Zeitpunkt bei dir ankommen?“ Moni grinste böse. „Dir wird nichts anderes übrigbleiben als von deinem Posten als Vorsitzender zurückzutreten!“
„War das dein Plan?“ Ferdi schaute seine Monika ungläubig an. Er hörte noch ihre Worte: „Wenn du diesen verflixten Vorstandsposten nicht aufgibst, lasse ich mich scheiden!“ Er hatte es als leere Drohung empfunden und einfach weitergemacht. Dass Moni so hinterhältig sein konnte!
„Das war mein Plan und er hat ja funktioniert!“ Moni war siegesgewiss. Endlich war es soweit. Keine blöden Sitzungen mehr, keine durchgemachten Nächte zum Bau eines neuen Umzugswagens. Keine Ausflüchte mehr, wenn sie einen Urlaub planen würde, der in den Zeitraum vom 11.11. bis zum Aschermittwoch lag.
„Das hast du dir so gedacht, ja? Aber da bist du schief gewickelt, meine Liebe! Ich werde es den anderen erklären und die Rede zur Feier werde ich selbst halten. Sie wird von einer bösen Frau handeln, die ihren Mann ins offene Feuer laufen lässt!“

Moni verging das Grinsen als sie ihren Ferdi anschaute. So entschlossen hatte sie ihn noch nie gesehen und ihr war klar, dass sie das nicht gutmachen konnte. Aber versuchen würde sie es und wenn sie selbst dem Karnevalsverein „Sauer macht lustig“ beitreten würde. Man muss auch mal Opfer bringen.

© Regina Meier zu Verl

 

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Ver(t)räumt

Alle Engel schlummern wieder an ihrem Aufbewahrungsort, Kugeln sind nd entstaubt und weggeräumt, der Weihnachtsbaum ist abgeräumt, Lichterketten ordentlich aufgewickelt und verstaut. So schön die Weihnachtszeit auch ist, irgendwann müssen die schönen Dinge wieder verräumt werden und warten dort auf den nächsten Einsatz.

Jetzt steht mir mehr der Sinn nach Luft, blauem Himmel, meinetwegen auch Schnee (aber nicht so lange) und Krokussen, Schneeglöckchen und Tulpen. 2017-02-16-10-23-50Weihnachtsgeschichten ruhen auch eine Weile, aber nicht so lange, bereits am Ende des Sommers kommen da schon wieder die Gedanken an Weihnachten. Bei mir ist das so und ich mag es auch so.

Vielleicht kann ich endlich mal mein Malzeug wieder auspacken. In den letzten Monaten ist das Malen zu kurz gekommen. Halt! Zuerst die Augen-OP am 20.2., danach sehe ich dann wieder klarer (grauer Star, ein Auge ist schon fertig 🙂 )

 

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