Tulpen für Oma Betty

2017-02-16-10-23-50
Tulpen für Oma Betty

Meine Oma Betty liebt Tulpen. Jedes Jahr im Herbst versteckt sie Tulpenzwiebeln im Garten und dann kann sie es kaum erwarten, dass der Frühling kommt.
„Das Schöne ist“, sagt Oma immer, „dass ich nicht weiß, wo ich sie versteckt habe. Die Überraschung ist dann viel größer!“
Das verstehe ich, denn mir geht das auch so, wenn ich unerwartet in meiner Hosentasche noch einen Euro finde, den ich völlig vergessen hatte.

Erst neulich ist es mir passiert, dass ich beim Aufräumen sogar einen Fünfeuroschein gefunden habe. War das eine Freude!
Nun war es so, dass mir dieser Schein praktisch in der Tasche brannte, ich meine, dass ich ihn unbedingt sofort ausgeben wollte. Ich habe hin und her überlegt, was ich damit anstellen könnte. Ich entschied mich dafür, für Oma Tulpen zu kaufen, im Supermarkt, da sind die nämlich ziemlich billig. Also holte ich mein Fahrrad aus der Garage und steuerte den nächsten Supermarkt an. Knapp zwei Euro kosteten zehn Tulpen. Ich rechnete nach, mir blieben noch drei Euro. Also kaufte ich auch für Mama zehn Tulpen und für den letzten Euro genehmigte ich mir ein Eis. Noch besser als das Eis schmeckte aber die Vorfreude, meinen beiden Lieblingsfrauen etwas zu schenken.
Die würden Augen machen!

Die beiden Tulpensträuße hatte ich auf den Gepäckträger geklemmt, da waren sie sicher verstaut. An der Fußgängerampel drückte ich auf den Knopf und wartete auf das grüne Männchen. Ich schaute noch kurz nach links und rechts, dann schob ich mein Fahrrad auf den Zebrastreifen. Plötzlich quietschten Bremsen, vor Schreck ließ ich mein Fahrrad fallen. Ein Mann stieg aus seinem Wagen.

„Junge, das war knapp!“, rief er. Ich konnte mich vor Schreck nicht bewegen, mir wurde übel und ich hatte das Gefühl, dass ich jeden Moment spucken musste.
„Geht es dir gut, Junge?“, fragte der Mann. Er hob mein Fahrrad auf und legte den Arm um meine Schulter. „Komm!“, sagte er und schob mein Fahrrad und mich auf den Bürgersteig.
„Aber …“, stotterte ich, „aber es war doch grün!“
„Du hast recht, es war meine Schuld!“, sagte der Mann. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, wollte er wissen. Dann fragte er mich, wo ich wohne. Ich nannte ihm die Adresse und meinen Namen und er gab mir eine Karte mit seinem Namen und seiner Adresse.
„Mir ist nichts passiert, alles gut!“, sagte ich.
„Warte hier, ich parke nur den Wagen, dann bringe ich dich nach Hause. Es ist ja nicht weit!“, schlug er vor. „Wir müssen ja noch nachschauen, ob mit deinem Rad alles okay ist.“

Als wir zu Hause angekommen waren, kam auch Papa gerade nach Hause. Er muss einen Riesenschrecken bekommen haben, denn er wurde ganz weiß im Gesicht, oder grün, ich weiß es nicht mehr so ganz genau.
„Ach du liebe Güte!“, rief Papa. „Was ist passiert?“
Der Mann, Herr Frisch, schilderte Papa kurz, was los war. Nachdem Papa erleichtert war, dass mir kein Haar gekrümmt wurde, nahmen die beiden Männer mein Fahrrad in Augenschein. Auch das war auf den ersten Blick okay, aber die Blumen! Jetzt kamen mir die Tränen. Die schönen Tulpen, die meisten Tulpenköpfe hatten wir wohl unterwegs schon verloren, denn nicht eine einzige Blüte war auf ihrem Stängel geblieben, alle waren abgeknickt.
„Die waren für Oma und Mama!“, heulte ich los und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Fast finde ich das im Nachhinein etwas peinlich. Ein Junge heult nicht, schon gar nicht wegen ein paar abgeknickter Tulpen, oder doch?
Herr Frisch machte ein sehr betroffenes Gesicht, damit hatte er wohl nicht gerechnet.
„Ich mach das wieder gut!“, versprach er. Dann wandte er sich an Papa: „Ihr Sohn hat meine Karte, wenn noch etwas sein sollte mit dem Rad, melden Sie sich bei mir!“, sagte er und als Papa ihm sagte, dass sicher alles in Ordnung sei, zückte er einen Zehneuroschein und reichte ihn mir.
„Das ist für dich, ich melde mich aber noch!“

So richtig Freude hatte ich nicht an dem Geldschein. Ich befreite die Tulpensträuße von der Plastikfolie und warf den jämmerlichen Rest in die Biotonne. Dann wischte ich meine Tränen ab und ging in mein Zimmer. Mama war nicht zu Hause und zu Oma brauchte ich ja nun auch nicht fahren, ohne die Überraschung, die ich mir so schön ausgemalt hatte. Auch saß mir der Schreck noch ganz schön in den Gliedern.

Etwa eine halbe Stunde später schellte es an der Haustür.
„Gehst du aufmachen, Philip!“, rief Papa, der gerade eine Lasagne in den Backofen schob und zum Schutz für seine Kleidung Mamas rosa Rüschenschürze umgebunden hatte.
Vor der Haustür stand Herr Frisch mit zwei riesigen Tulpensträußen, so richtig schön vom Gärtner gebunden.
„Wow!“, rief ich aus. „Die sind aber schön!“
„Sie sind für deine Mama und Oma, weil ich doch mit meiner Vollbremsung deine schönen Tulpen ruiniert habe!“, sagte er und reichte mir die Blumen.
„Gibst du die für mich weiter, bitte? Und dann habe ich hier noch etwas für dich!“ Er drückte mir einen Umschlag in die Hand. „Ich hoffe, du magst Fußball! Das sind zwei Freikarten für das Spiel am Samstag!“

Das Wort Fußball trieb nun auch Papa aus der Küche, er vergaß sogar, die rosa Schürze abzulegen.
„Cool!“, sagte er und drückte Herrn Frisch die Hand. „Damit machen Sie uns eine große Freude, stimmt’s, Philip?“
Ich weiß, was sich gehört, deshalb sagte ich brav: „Ja, vielen Dank!“ Dabei kann ich Fußball eigentlich nicht leiden, aber da die Damen Blumen bekommen würden, sollte auch Papa seine Freude haben.
Es wurde dann ganz nett beim Spiel und gewonnen haben wir auch!
Mama und Oma Betty blieben zu Hause, sie konnten sich gar nicht sattsehen an ihren tollen Blumensträußen.

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty und der Giraffenhals

Oma Betty und der Giraffenhals

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, schimpft Oma Betty. Diesen Spruch kenne ich und ich weiß genau, dass da meist etwas Unangenehmes folgt. Heute auch!
„Das zahlt man viel Geld für eine Zahnreinigung und dann das!“ Sie streckt ihre Zunge raus und ich bekomme einen tüchtigen Schreck. Die Zunge ist blau.
„Oh je!“, rufe ich. „Musst du jetzt sterben, Oma?“ Natürlich weiß ich, dass sie nicht sterben muss. Ich wüsste jedenfalls nicht, dass ich schon einmal gehört hätte, dass jemand an der Blauzungenkrankheit gestorben wäre. Aber ich möchte Oma mein höchstes Mitgefühl zukommen lassen. Das ist das Mindeste.
„Nein“, sagt Oma Betty da auch schon. „Sterben muss ich wohl nicht, das Schlimmste, was mir passieren könnte wäre, dass mein Hals wächst und wächst und wächst, wie bei einer Giraffe!“, verkündet sie.
„Häh?“, frage ich. „Wie kommst du darauf?“
„Giraffen haben blaue Zungen!“, sagt Oma. „Wusstest du das nicht?“
„Nö, woher? Ich weiß, dass es Hunde gibt, die blaue Zungen haben. Sie heißen Chow-Chow, oder so. Linos Eltern haben so einen!“, fällt mir ein.
„Ach, die sind niedlich, so kuschlig wie Teddybären, stimmt’s?“, Oma lächelt. Es würde ihr offensichtlich besser gefallen, wenn sie zum Chow-Chow würde.
„Was aber hat die Zahnreinigung damit zu tun?“, will ich nun wissen.
„Ganz einfach: Die Zähne werden eingefärbt, um die Beläge sichtbar zu machen. Danach werden sie dann gereinigt, Zahnstein wird entfernt und anschließend werden sie poliert. Bei mir haben sie wohl die Zunge mit eingefärbt!“
„Ach so! Hattest du denn deine Zähne nicht ordentlich geputzt, Oma? Mich zwingst du jeden Abend, sie zu putzen, bei dir habe ich das aber noch nie gesehen!“, meckere ich. Ist doch ungerecht, aber jetzt habe ich sie ja erwischt!
„Ich putze sogar dreimal am Tag!“, behauptet Oma. „Aber man kommt eben nicht an jede Stelle und da färbt sich dann der Belag blau ein. Hat man das bei dir noch nie gemacht?“
Ich erinnere mich, dass die Zahnärztin bei mir auch schon einmal Farbe auf die Zähne geschmiert hat, die war aber quietschpink. Das verrate ich Oma aber nicht, denn auch bei mir gab es ungesunde Beläge und anschließend ein Donnerwetter von Mama, die meinte, dass es meine Schuld war und ich einfach nicht gründlich genug putzen würde.
„Ach Oma, dein Hals wird nicht wachsen und sicher wirst du auch nicht zum Kuschelhund“, versuche ich sie zu trösten und füge ein ganz leises „Leider“ hinzu. Das hat sie aber nicht gehört, Gott sei Dank!
Am nächsten Tag war dann alles wieder gut und seit gestern putze ich meine Beißerchen wieder etwas intensiver – mal sehen, wie lange das anhält.

© Regina Meier zu Verl

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Früher oder ganz früher? (Oma Betty)

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Früher oder ganz früher? (Oma Betty)

Oma Betty hat selten schlechte Laune und wenn, dann nur ganz kurz, fünf Minuten oder so. Bei Mama ist das anders. Sie kann auch mal eine Stunde, oder noch viel länger übellaunig durch die Gegend laufen. Ist ja klar, verstehe ich auch. Mama ist für alles zuständig, das kann einem schonmal die Laune verhageln. Sie muss sich um uns kümmern, um Papa auch; sie muss die Wäsche waschen und kochen und immer ist einer dabei, dem es nicht schmeckt. Papa kocht aus diesem Grund eher selten und Wäsche macht er auch nicht gern, weil er mal eine Maschine Wäsche verfärbt hat und das hat Mama ihm lange aufs Butterbrot geschmiert.
Wenn wir morgens alle aus dem Haus gehen, dann geht Mama auch zur Arbeit und sie kommt zurück, bevor wir alle wieder da sind. Das fällt praktisch gar nicht auf, dass sie weg war und deshalb merkt eigentlich auch keiner, dass Mama ja auch noch außer Haus arbeitet.
„Das gab es früher nicht!“, sagt Oma Betty. „Da waren die Mütter zu Hause!“
„Aber Oma, du hast doch auch immer gearbeitet!“, erinnere ich sie. Oma überlegt einen Moment, dann nickt sie. „Ich meine auch ganz früher!“
„Ganz früher?“
„Ja, als ich Kind war!“, erklärt Oma und ich glaube, dass sie nun selbst blöd findet, dass sie diesen Spruch – Das gab es früher ja nicht – verwendet hat.
Es gibt noch einen Satz, den Oma so richtig doof findet: Wir hatten ja damals gar nichts! Wenn Oma das hört, dann wird sie fuchsteufelswild.
„So ein Blödsinn!“, schimpft sie dann und das ist dann so ein Moment, der ihre Laune in den Keller sacken lässt. Ich lasse sie in Ruhe, das ist das Beste. Ich weiß auch genau, was sie sagen wird, wenn die Laune wieder die Treppe hochkrabbelt.
„Wir hatten es so gut damals. Es gab zwar nicht so viel Spielzeug, aber wir haben uns tolle Spiele ausgedacht und stundenlang haben wir Buden im Wald gebaut. Wir waren bei jedem Wetter draußen und deshalb waren wir auch selten krank!“
„War das früher, oder ganz früher, Oma?“, will ich dann wissen und dann kommt sie ins Schleudern.
„Ganz früher, als ich Kind war!“, sagt sie und grinst. „Du willst es auch immer ganz genau wissen!“
„Wer nicht fragt, bleibt dumm! Das hast du mir selbst beigebracht, Oma und nun sollten wir einen Spaziergang machen!“
„Aber es regnet doch!“ Oma schaut zweifelnd aus dem Fenster.
„Hast du nicht gerade gesagt, dass ihr bei jedem Wetter draußen wart?“
Eins zu Null für mich. Oma versucht gar nicht mehr, sich mit dem Wetter herauszureden. Emmy holt ihre Leine und ich mein Skateboard und Oma fügt sich. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty in der Schule

Oma Betty in der Schule

Ich bin etwas aufgeregt heute. Oma Betty wird mich gleich abholen und dann gehen wir gemeinsam in die Schule.
Meine Lehrerin hat gesagt, dass ich Oma doch mal einladen soll. Ich habe ihr nämlich von dem Buch mit den gesammelten Wörtern erzählt, ihr wisst schon. Diese Idee fand Frau Sommer ganz toll und nun möchte sie, dass Oma uns ihr Buch einmal zeigt.
Es haben auch andere Kinder schonmal was mitgebracht. Neulich zum Beispiel hatte der Florian seinen Goldhamster dabei und Mareike durfte uns ihre Geige vorstellen. Aber eine Oma, die hatte noch nie einer mitgebracht. Hach, ich bin so aufgeregt.
Da klingelt es auch schon.
„Moin, mein Junge!“, ruft Oma schon im Flur. Sie hat sich schick gemacht heute, extra für mich. Das gefällt mir. Blitzschnell springe ich die Treppe runter.
„Toll siehste aus, Oma!“ Es ist nie falsch, einer Dame ein Kompliment zu machen, sagt Opa immer und das habe ich mir gemerkt. Oma scheint das auch zu gefallen, sie bekommt nämlich ganz rote Wangen. Vielleicht ist es aber auch die Aufregung.
„Können wir los?“, fragte sie und schaut noch schnell in die Küche, wo Mama und meine Schwester noch beim Frühstück sitzen. „Ich bringe ihn dir heute Mittag zurück!“, sagt sie zu Mama.
Ich sitze hinten in meinem Kindersitz. Nach vorn darf ich noch nicht, weil ich noch keinen Meterfuffzig groß bin. Aber das wird nicht mehr lange dauern, ich esse nämlich sehr oft Spinat. Davon wächst man – glaube ich.
Nach ein paar Minuten sind wir an der Schule angekommen und dann ist es endlich soweit: Ich kann meine Oma zeigen. Mann, bin ich aufgeregt.
„Ich habe noch eine Bitte, Oma!“, sage ich ihr leise ins Ohr.
„Was denn?“, will Oma wissen.
„Bitte nicht küssen vor den Leuten hier, okay!“ Oma lacht und hebt ihre Hand. „Indianerehrenwort!“, sagt sie und ich klatsche ab. Oma ist cool.
Da kommt uns auch schon Frau Sommer entgegen. Sie begrüßt Oma herzlich.
„Philip, darf ich deine Oma entführen? Ich bringe sie dann gleich mit in die Klasse, wenn der Unterricht beginnt, okay?“
Damit bin ich einverstanden.
„Wer ist die alte Frau?“, fragt mich Hannes. Ich erkläre ihm, dass sie nicht alt ist und dass es meine Oma ist, die coolste Oma von allen. Hannes ist schwer beeindruckt und nimmt das ‚alt‘ zurück.
Dann ist es soweit, wir alle sitzen in der Klasse und als Frau Sommer hereinkommt, springen wir auf und rufen: „Guten Morgen Frau Sommer und guten Morgen Oma von Philip!“
Oma grinst, Frau Sommer auch. Dann ist Oma dran. Sie erzählt von ihrem Buch und hat auch ein paar lustige Beispiele für uns: Wonneproppen für ein süßes Baby mit dicken Backen, Tropfenfänger und damit ist nicht das Taschentuch gemeint, sondern ein Gebilde aus etwas Schaumstoff mit einem Gummiband, das um die Tülle einer Kaffeekanne gelegt wird, damit es nicht auf die Tischdecke tropft. Ich kann die Wörter hier nicht alle aufschreiben, aber ich habe einen Tipp für euch: Legt euch selbst so ein Buch an, denn nun kommt der Hit der Stunde. Jedes Kind bekommt von Frau Sommer ein kleines Sammelbüchlein; von nun an sind wir eine Wörtersammelklasse und wenn wir erstmal einige Wörter gefunden haben, dann laden wir Oma wieder ein und tauschen uns aus. Ja, so machen wir das!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty sammelt Wörter

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Oma Betty sammelt Wörter

Oma Betty hat ein dickes Buch, das sie immer mit sich herumträgt, sogar im Urlaub. Sie sammelt darin Wörter und Sätze, sagt sie. Verrückt, oder?
Ich habe auch viele Bücher, darin sind viele Wörter und jede Menge Sätze. Sammeln muss ich die nicht, die hat schon jemand anders da hineingeschrieben. Wenn ich Oma Bettys riesiges Bücherregal so anschaue, dann wundere ich mich, dass sie noch immer Wörter und Sätze sammelt. Wie gesagt, so ein bisschen verrückt ist Oma Betty, weiß sie aber auch selbst.
„Oma, sag mir doch mal so ein Wort, das in deinem Buch steht und dann erklär mir, warum es da drinsteht und drittens: steht es in keinem deiner anderen Bücher?“, frage ich Oma.
Sie schlägt ihr Sammelbuch auf und deutet auf ein Wort.
„Hier zum Beispiel“, sagt sie. „Dieses ist ein besonderes Wort. Es heißt: Possenreißer.“
„Habe ich noch nie gehört!“, stelle ich fest. „Was bedeutet es?“
„Es ist ein altes Wort, heute würde man wohl Spaßmacher sagen oder Komiker, einer, der Witze macht!“, erklärt Oma.
„Aha, ich verstehe! Und weil es niemand mehr kennt, steht es in deinem Buch?“
„Ja, so in etwa. Ich mag die alten Wörter, sie sollten nicht in Vergessenheit geraten!“ Oma Betty blättert weiter.
„Warte, Oma, du hast mir „drittens“ noch nicht beantwortet!“, erinnere ich sie.
„Stimmt, also vermutlich steht in irgendeinem von meinen Büchern dieses Wort sogar, so auf Anhieb weiß ich aber nicht, in welchem das sein könnte!“ Das reicht mir vorläufig als Antwort.
„Jetzt noch ein Wort, bitte!“ Nun will ich es aber genau wissen, möglicherweise werde ich auch Wörter sammeln … und Sätze.
Oma blättert, dann grinst sie.
„Dieses Wort hat mein Opa häufig benutzt!“, sagt sie. „Blümerant!“
„Das kenne ich!“, rufe ich. „Mamas neue Bluse ist auch blümerant!“
Oma lacht laut auf, dann schüttelt sie den Kopf.
„Hört sich so an, als könnte es richtig sein, ist aber nicht so. Blümerant bedeutet ‚nicht gut zurecht sein‘, also wenn man sich unwohl fühlt, dann ist einem blümerant zumute.“
Nun muss ich auch lachen, diese Wörter sind ziemlich lustig und ich verstehe, dass Oma sie sammelt.
„Hast du was dagegen, wenn ich nun auch Wörter sammle?“, frage ich Oma Betty. Sie hat absolut nichts dagegen, im Gegenteil, sie freut sich.
Und wenn ich mal eines finde, das sie selbst noch nicht in ihrer Sammlung hat, dann werde ich es ihr schenken. Ich mache mich dann mal auf die Suche!

© Regina Meier zu Verl

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Wieder was gelernt (Oma Betty)

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Wieder was gelernt (Oma Betty)

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty sucht den Frühling

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Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hinwill, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

© Regina Meier zu Verl

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Oma Bettys Feenorakel

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Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

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Weiberfastnacht

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Weiberfastnacht

 

„Ich lach mich kaputt!“ Oma Betty wedelt sich mit den Händen Luft ins Gesicht, damit die Lachtränen keine Chance haben. Doch es ist bereits zu spät. Dicke Krokodilstränen kullern aus ihren Augen und zerstören eine halbe Stunde sorgfältiges Arbeiten vor dem Spiegel.
„Ausgerechnet heute …“, kräht Oma Betty. „Wo doch der Bürgermeister …“ Sie bricht ab und rennt ins Badezimmer, kommt aber gleich darauf mit dem Zehnfach-Vergrößerungsspiegel zurück. Fassungslos betrachtet sie ihr Spiegelbild und dann geht es wieder los, zuerst ein Glucksen nur, das aber schwallartig zu einem Lachanfall besonderer Güte wird.
„Was ist mit dem Bürgermeister?“, will ich nun wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, was der damit zu tun haben könnte, dass Oma so aus der Fassung gerät.
„Er hat mich eingeladen!“, seufzt Oma und schlagartig verändert sich das Lachen und weicht einem Schluchzen.
„Was ist daran so lustig?“, frage ich vorsichtig und tätschele ihren Oberarm, um sie zu beruhigen.
„Nichts!“, stottert Oma. Sie nimmt ein Tempotuch und versucht die schwarzen Streifen, die ihr gepudertes Gesicht zieren wegzuputzen. Wenn ich das richtig beurteilen kann, macht sie es dadurch noch schlimmer. Mittlerweile ist ihr Gesicht gerötet. Wieder und wieder spuckt sie auf das Tuch und putzt und reibt verzweifelt.
„So soll der mich nicht sehen!“, jammert sie und wirft das Tempotuch in die Ecke. „So nicht!“
Das verstehe ich. So würde ich mich auch nicht gern sehen lassen. Ich frage mich nur, warum sie diesen Aufwand betreibt. Also frage ich mal nach:
„Oma, warum bleibst du nicht einfach so wie du bist. Ich finde dich voll okay!“, sage ich und warte ab.
„Meinst du?“, sagt sie zögernd und versucht, ihrem Spiegelbild zuzulächeln. In zehnfacher Vergrößerung sieht das wohl besonders lustig aus, denn prompt lacht sie wieder los.
Ich kann mich nun auch nicht mehr zusammenreißen und dann lachen wir beide Tränen.
Als wir uns beide wieder beruhigt haben holt Oma einen Waschlappen und wischt die Reste ihrer Malaktion ab. Der Lappen ist braun-schwarz-blau, igitt.
„Ich geh einfach nicht hin!“, sagt Oma. „Da kommen genügend andere, außerdem kennt er mich gar nicht!“
„Wer?“
„Der Bürgermeister!“
„Dann iss ja gut!“, meine ich und insgeheim bin ich froh, dass sie zu Hause bleibt. Ich habe nämlich heute frei. Ist ja Weiberfastnacht und zum Bürgermeister muss ich auch nicht, der hat nämlich die Frauen eingeladen – alle. Und ich bin nun mal ein Mann, ein kleiner, aber immerhin!

Worüber Oma anfangs so gelacht hat, das habe ich noch nicht rausbekommen. Ich bleibe aber am Ball, versprochen.

 

© Regina Meier zu Verl

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Überredet

 

Überredet

 

Irgendwie schaut mein Frauchen heute etwas traurig aus der Wäsche. Was ist nur mit ihr los? Sie macht auch keine Anstalten, mich endlich für den Spaziergang anzuleinen. Das ist seltsam. Sonst sind wir um diese Zeit längst unterwegs. Ich müsste auch mal dringend pieseln.
Sie sitzt da auf ihrem Sessel und macht nichts, sie liest nicht, sie strickt nicht, sie telefoniert nicht. Ungewöhnlich ist das und so langsam mache ich mir echt Sorgen.

Da, jetzt legt sie schon wieder die Hände auf ihren Bauch und stöhnt. Ob sie Bauchschmerzen hat, so wie ich neulich?
Ich lege ihr meinen Kopf aufs Knie und versuche sie zu hypnotisieren. Gequält lächelt sie mich an und krault mich ein wenig hinter den Ohren. Das tut gut, aber es reicht nicht. Ich will raus! Jetzt!

Wäre ich noch etwas beweglicher, dann würde ich ihr auf den Schoß springen. Aber das kann ich nicht mehr, es ist schon blöd genug, dass ich nicht einmal mehr aufs Sofa kann. Dort war es immer so schön gemütlich, besonders dann, wenn Frauchen und ich gemeinsam dort lagen.

Wir sind zwei alte Damen, mein Frauchen und ich. Aber ich finde, dass wir beide noch ganz passabel aussehen und im Großen und Ganzen sind wir auch gesund, meist jedenfalls.
Ob ich einfach mal meine Leine holen sollte?
Doch, die hängt an der Garderobe und ich komme nicht dran. Ob es hilft, wenn ich sie anbelle, die Leine? Einen Versuch ist es wert. Also dann!

„Was machst du denn für ein Getöse, Emmi?“, fragt Frauchen. Endlich steht sie auf, seufzt, zieht ihre Schuhe an und die dicke Jacke. Dann befestigt sie die Leine an meinem Halsband und dann habe ich erreicht, was ich wollte. Es geht raus an die frische Luft. Das tut uns beiden gut. Frauchens Wangen röten sich sogar ein wenig.
„Hast recht gehabt, Emmi, nach draußen zu gehen war die beste Idee des Morgens. Schau mal, wie herrlich die Sonne scheint!“
Nach dreimaligem Pieseln und einmal „Ihr wisst schon was“, gehen wir noch ein Stückchen weiter. Hach, wie gut, dass ich mich durchgesetzt habe. Frauchen kann froh sein, dass sie mich hat!
„Wie froh ich bin, dass ich dich habe“, sagt Frauchen in diesem Moment. „Ohne dich hätte ich mich heute nicht aufraffen können!“

„Sag ich doch!“, denke ich und springe an ihr hoch. Wir tun uns gut, wir beide, echt!

 

© Regina Meier zu Verl

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