Reizwortgeschichte: Das kannst du nicht

Wünsche, Hoffnungsschimmer, mucksmäuschenstill, butterweich und innehalten.

Das waren die Wörter, die diesen Monat in unserer Reizwortgeschichte verarbeitet werden mussten.

Lest bitte auch bei meinen Mitstreiterinnen:

Lores Märchenzauber
Von-Herz-Herz-Geschichten

Das kannst du nicht

Mucksmäuschenstill wurde es, als sich Esther erhob und in die Mitte des Raumes stellte. Sie blickte kurz in die Runde, lächelte und schlug ihr Buch auf und begann zu lesen:
„Ich lese ein Kapitel aus meinen Kindheitserinnerungen.
Es war ein paar Tage nach meinem sechsten Geburtstag. Ich hatte von meinen Eltern ein Fahrrad bekommen, konnte aber noch nicht fahren. Wie auch? Ohne Fahrrad war das eben unmöglich gewesen. Heute fangen die Kinder mit Laufrädern an, oder mit dem Dreirad. Meist können sie dann schon fahren und benötigen auch keine Stützräder mehr, wenn sie ein „richtiges“ Fahrrad bekommen.
Für mich war es schwer, das Fahren zu erlernen, denn ich war von jeher ein ängstliches Kind gewesen. Geschürt durch die Ängste meiner Mutter traute ich mir nichts zu. Aber ich war ehrgeizig, und das in jeder Beziehung, sogar beim Fahrradfahren.“
Esther hielt kurz inne und schaute in die Runde. Sie entdeckte kein bekanntes Gesicht, was nicht ungewöhnlich war, denn sie war heute in einer für sie völlig fremden Stadt. Wenn sie daheim Lesungen hielt, dann kamen oft die gleichen Zuhörer, was angenehm war und doch wieder nicht. Stets zweifelte Esther nämlich, ob sich jemand auf den Schlips getreten fühlte, wenn sie wahre Geschichten erzählte und so vermied sie, zu Hause aus ihren Kindheitserinnerungen vorzulesen. Bei diesem ersten Absatz hätte sich ihre Mutter sicherlich geärgert. Sie hörte ihre Stimme: „Geschürt durch die Ängste meiner Mutter? Was soll das denn heißen? Habe ich nicht alles für dich getan?“
Esther räusperte sich und fuhr fort:
„Mutig stieg ich immer wieder auf, immer und immer wieder, und schaffte es nach einiger Zeit ein paar Meter zu fahren, sprang dann aber wieder vom Rad und blieb mit klopfendem Herzen danebenstehen. Mama gab Anweisungen vom Straßenrand aus. „Kind, fahr vorsichtig! Pass auf, da kommt ein Schlagloch, du musst es umfahren. Sitz doch nicht so verkrampft! Du musst nach vorn schauen!“
Ich weiß, dass Mama es gut meinte. Aber manchmal ist eben weniger mehr. Sie traute es mir nicht zu, dass ich es schaffen würde. Erst viel später habe ich verstanden, warum das so war. Sie selbst hatte als Kind kein Fahrrad gehabt, es waren Kriegszeiten und auch ihre Mutter, meine Großmutter, war eine eher ängstliche Person. Ihre eigenen Wünsche stellte sie stets hintenan und versuchte meinem Großvater alles recht zu machen. Der nutzte das aus, was ich allerdings als Kind nicht so gesehen habe. Ich liebte meinen Opa sehr und er hat ein sehr wichtiges Stück meiner Kindheit wunderschön bereichert und in mir die Liebe zur Literatur, der Musik und zur Natur erweckt. Jedenfalls glaube ich, dass er es war, denn in vielen Dingen finde ich mich wieder und noch heute denke ich sehr viel an ihn. Er traute mir alles zu und sagte niemals den Satz: Das kannst du nicht!“
Im Publikum bekam jemand einen Hustenanfall. Esther unterbrach ihren Vortrag für einen Moment, nahm einen Schluck Wasser und setzte erst wieder an zu erzählen, als sich die Dame wieder gefangen hatte. „Entschuldigen Sie!“, rief die Frau. Doch Esther wehrte ab. „Alles ist gut!“, sagte sie.
„Nein, ist es nicht!“, schluchzte die Frau und alle sahen sich erstaunt nach ihr um. Was war denn nur in sie gefahren? Jemand reichte ihr ein Taschentuch und ein Glas Wasser. Die Anwesenden murmelten leise. Esther war verunsichert. Sollte sie ihren Vortrag fortsetzen, so, als sei nichts gewesen? Innerlich entschied sie sich dagegen, aber sie war nicht sicher, was man nun von ihr erwartete. Eine derartige Situation hatte sie noch nicht erlebt. Allerdings blitzte ein kleiner Hoffnungsschimmer, die Lesung zu retten, in ihr auf, als sie spontan ihre Gitarre zur Hand nahm, sich auf den Barhocker setzte, den man für sie bereitgestellt hatte und ein paar leise Akkorde anschlug. Sofort wurde es wieder still. Esther spielte eine Weise, die sie auch zu Hause spielte, wenn sie sich beruhigen wollte. Das funktionierte eigentlich immer und auch die Zuhörer genossen die butterweiche Melodie und die perlenden Tonfolgen. Während sie spielte, beschloss sie, die Erinnerungsgeschichte vorsichtig wieder aufzunehmen, ließ aber die Stellen aus, die eine erneute Traurigkeit verursachen könnte.
„Ich komme nun zum Ende dieses Kapitels meiner Kindheitserinnerungen, damit wir uns einer anderen Geschichte widmen können. „Das kannst du nicht!“, war ein Satz in meiner Kindheit, den ich oft zu hören bekommen habe. Vielleicht war es gerade dieser Satz, der mich gestärkt hat, denn ich wollte allen beweisen, dass ich eben doch kann, was ich können möchte! Ich fiel hin und stand wieder auf, richtete meine Krone, wie man heute so treffend sagt und wurde zu der Frau, die ich heute bin. Und ja, ich kann sagen, dass ich eine glückliche Kindheit mir kleinen Hindernissen hatte. Doch es waren nur kleine Steine, die da im Weg lagen. Ich habe sie zur Seite gekickt und weitergemacht!“
Esther schlug ihr Buch zu und ihr erster Blick ging in Richtung der Frau, die noch vor ein paar Minuten vom Weinen geschüttelt wurde. Sie saß entspannt auf ihrem Stuhl und lächelte Esther an. Nach der Lesung kam sie zu ihr und bedankte sich für den Abend. „Ich kann das auch! Sie haben mir Mut gemacht!“, sagte sie und drückte Esther die Hand.

© Regina Meier zu Verl

 

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Neues Jahr

Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr 2020!

Meines begann mit einer Magenverstimmung, so dass ich nun einen Tag zu spät dran bin, aber noch lohnt es sich ja!

Machen wir also weiter, so wie im letzten Jahr, oder ändern wir einiges? Ich habe mir vorgenommen, ein paar kleine Änderungen einfließen zu lassen. Vielleicht klappt das alles nicht auf Anhieb, deshalb werde ich auch nur Stück für Stück davon erzählen. Vielleicht dann, wenn es schon ein paar Tage hingehauen hat.

Ansonsten bereite ich zwei Lesungen vor, konzentriere mich auf meine Pflichtgeschichten und habe weiterhin Freude an den neu aufgelebten Reizwortgeschichten … oh, da fällt mir ein, ich muss ja noch die nächste schreiben, am 15.1. ist es schon wieder so weit!

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23. Dezember 2019

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Ein kleines Sternchen sagte froh:
Ich bin nicht nur ein Stern aus Stroh.
Zu Weihnachten häng ich am Baum
und das ist wahr, nicht nur ein Traum!

Da gehörst du gar nicht hin,
ich bin hier die Königin!
sprach die Kugel arrogant,
weil sie sich so entzückend fand.

Ein Stern war es, der in der Nacht
Licht über Bethlehem gemacht,
damit man es findet, das Kind im Stall.
Das weiß man schließlich überall.

Er hatte Recht, der kleine Stern.
Die Kugel hört das gar nicht gern,
doch schwieg sie still, war sehr gescheit,
er führt zu nichts, der dumme Neid!

© Regina Meier zu Verl

 

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22. Dezember 2019

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Wie die vier Kerzen zu ihren Namen kamen

„Die haben mich vergessen!“, schimpfte die vierte Kerze auf dem Adventskranz.
„Ach was, du kommst schon noch dran!“, meinten die anderen einstimmig.
„Aber es ist doch schon dunkel und wenn ich das richtig sehe, ist kein Mensch zu Hause“, sagte nun wieder die Nummer Vier.
„Wir sind denen gar nicht wichtig, sie haben uns nicht einmal einen Namen gegeben!“, sagte die Nummer Drei traurig. „Menschen geben denen, die sie lieben einen Namen. Denk mal an den Hund!“
„Du hast recht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es stimmt. Wir sind einfach nur Nummern. Oh je, ist das traurig!“ Das war die zweite Kerze.
„Wir sind eben nur Kerzen!“, flüsterte die Nummer Eins, die immer ein wenig leiser war als die anderen. Dabei hatte sie doch das Glück gehabt, als allererste von ihnen entzündet zu werden. Sie wusste aber, dass das ein Zufall war, es hätte ebenso gut eine von den anderen sein können.
Die vier Kerzen schwiegen, jede für sich war in Gedanken versunken. Im Haus war es mucksmäuschenstill, nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.
Plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und jemand schaltete das Licht ein.
„Jetzt ist es endlich soweit!“, dachte die vierte Kerze und wagte kaum zu atmen vor lauter Aufregung. Tatsächlich, da kam Tina, die hier wohnte und setzte sich aufs Sofa.
„Schatz!“, rief sie und noch einmal: „Schahatz!“
„Was ist denn, Tina?“, rief Alex, Tinas Liebster.
„Heute ist der vierte Advent, wir wollen noch die Kerzen anzünden und ein Weihnachtslied singen!“, rief Tina.
„Boah, du bist so altmodisch! Muss das denn unbedingt jetzt sein, ich habe solchen Hunger!“, maulte Alex. Da er aber seine Tina liebte, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
„Ich bin übrigens nicht altmodisch, man nennt das romantisch, mein Lieber und ein wenig Romantik stände dir auch ganz gut zu Gesicht!“, meinte Tina und hielt Alex die Streichhölzer hin. „Mach du!“, ordnete sie an.
Gerade wollte Alex die vierte Kerze anzünden, deren Docht noch ganz unbenutzt war, als Tina rief: „So nicht, es muss in der richtigen Reihenfolge angezündet werden, die vierte ist die letzte Kerze, fang mit der Nummer Eins an!“, schimpfte sie.
„Demnächst werden wir den Kerzen noch Namen geben und ihnen später einen Gutenachtkuss geben!“, witzelte Alex.
„Blödmann!“, schimpfte Tina und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das ist aber kein schöner Name, lass dir was besseres einfallen!“, konterte Alex und brachte Tina damit wieder zu lachen.
„Okay, die erste heißt Chris – nun bist du dran, mein Lieber!“
Alex zündete die erste Kerze an. „Ich taufe dich auf den Namen Chris!“, sagte er feierlich. Dann hielt er das Streichholz an die zweite Kerze. „Und du heißt … Aua!“ Alex hatte sich den Finger verbrannt, das tat ganz schön weh.
„Aua kann sie aber nicht heißen“, meinte Tina, nachdem sie Alex einen Kuss auf den schmerzenden Finger gegeben hatte. „Ich schlage vor, sie heißt Aurelia, okay?“
Zu Chris und Aurelia kamen dann noch Luke und Mara dazu.
Die Kerzen waren glücklich und strahlten heller als je zuvor. „Sie haben uns Namen gegeben“, flüsterte Mara. „Das heißt, dass sie uns lieben!“
„Ja!“, flüsterten Chris, Aurelia und Luke.
Tina kuschelte sich an ihren Alex und schaute glücklich ins funkelnde Licht der Adventskerzen.

© Regina Meier zu Verl

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21. Dezember 2019

Ich bin spät dran heute, sorry …

Der Schokoaugen-Schneemann

Ein Glitzern hell wie Sternenstaub,
unter dem Schnee ruht welkes Laub.
Bäume tragen ein weißes Gewand.
Ich liebe den Schnee und meine Hand
taucht in die flockig weichen Kristalle
und formt den Flaum zu einem Balle.

Kugeln gerollt, groß, mittel und klein,
schon bald wird der Schneemann fertig sein.
Kohlen gibt es wohl keine mehr,
wo nehme ich denn Augen her?
Eine Möhrennase fand ich noch im Stall,
um den Hals binde ich einen alten Schal
und oben auf des Schneemanns Kopf
thront stolz ein alter Suppentopf.

Er sieht leider nichts, der arme Mann.
mir fällt nicht ein, was ich machen kann
Von Phantasie fehlt mir jede Spur,
doch plötzlich hab ich’s: Kuchenglasur!
Ich finde sie gleich, muss nicht lang suchen,
da ist sie schon, die Glasur für den Kuchen.

Nun hat er Augen, schokoladenbraune
und er schaut grad so aus, als ob er staune.
Er lächelt sogar, er fühlt sich wohl,
trägt einen Handstrauß aus grünem Kohl.
Und morgen werd‘ ich, das weiß ich genau,
für ihn bauen noch aus Schnee eine Frau.

© Regina Meier zu Verl

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20. Dezember 2019

20. Dezember 2019

Heute mal wieder eine Geschichte zum Anhören, viel Spaß!

Eine Tannenbaumgeschichte

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Bild nach einer Idee von Clarissa Hagenmeyer

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19. Dezember 2019

Das Märchen vom Apfelglück stammt aus dem letzten Jahr, hier habe ich es noch nicht vorgestellt, deshalb heute

Apfelglück

Es war einmal, vor langer Zeit, ein Mädchen, das in einem kleinen Dorf lebte. Es hatte sieben Geschwister, drei Brüder und vier Schwestern. Das Mädchen hieß Anna und sie war die Älteste.
Die Familie hatte nicht viel Geld und oft genug war es schwer, alle Kinder satt zu bekommen.
„Ach“, klagte die Mutter oft. „Es tut mir so leid, dass ich euch kein reichhaltiges Mahl anbieten kann, ihr hättet es verdient!“
Anna wollte der Mutter so gern helfen, immer wieder versuchte sie, bei den Nachbarn etwas Nahrhaftes zu ergattern, indem sie kleine Dienste für sie verrichtete. Aber es war nicht viel, was sie dafür bekam, mal ein Stück Brot, oder auch mal einen Kanten Speck.
Einmal, es war kurz vor dem Weihnachtsfest, erhielt sie von der alten Tilde einen Korb voller Äpfel, die schon leicht verschrumpelt waren.
„Nimm, Kind, aber teile sie gut ein!“, hatte die Alte gesagt.
Anna suchte sieben Äpfel aus, die noch fest und knackig waren. Die wollte sie ihren Geschwistern zu Weihnachten schenken. Sie versteckte sie im Keller an einem sicheren Platz. Die restlichen Äpfel gab sie der Mutter, die daraus Kompott zubereitete. Das reichte jedoch nicht lange und jeden Abend gingen die Kinder hungrig zu Bett.
Eines Abends, die Eltern waren nicht zu Hause, weinte die kleine Anina so herzzerreißend, dass Anna in den Keller ging, einen der Äpfel nach oben trug und ihn in acht Stücke teilte. Sie erzählte ihren Geschwistern, dass es sich um einen Wunderapfel handelten und dass der, wenn man nur fest genug daran glaubte, die Hungerschmerzen für eine Nacht besänftigen konnte. Gemeinsam aßen sie, jeder sein Achtel, kauten genüsslich und schliefen dann zufrieden ein. Die Kerne sammelte Anna in ihrer Schürzentasche, nachdem sie sie sorgfältig in ein Taschentuch gewickelt hatte.
So ging das ein paar Tage, bis zum Schluss nur noch ein einziger Apfel übrigblieb. Es war der Tag vor dem Heiligen Abend. Wieder weinte Anina vor Hunger und bat ihre große Schwester um ein Stück vom Wunderapfel. Was sollte sie machen? Sie schnitt den letzten Apfel auf, der schmeckte süßer als all die Äpfel vorher und schon bald schliefen die Kinder zufrieden ein.
In dieser Nacht träumte Anna von der alten Tilde und den wunderbaren Äpfeln, die sie einige Tage lang gegessen hatten. ‚Hast du sie gut eingeteilt?‘, fragte Tilde in Annas Traum. ‚Das habe ich!‘, antwortete Anna traurig. ‚Aber jetzt haben wir keine Äpfel mehr und werden zu Weihnachten hungern müssen.‘ Tilde schüttelte den Kopf. ‚Du hast mit deinen Geschwistern geteilt, gerecht, und ohne ein Stückchen zu verschwenden. Selbst die Kerne hast du sorgsam verwahrt.‘
Anna wunderte sich, woher die alte Tilde das wissen konnte … und erwachte aus ihrem Traum. Verwirrt setzte sie sich im Bett auf. Was hatte Tilde denn nur gemeint? Anna schlüpfte aus dem Bett und holte das Taschentuch mit den Kernen aus ihrer Schürzentasche. Als sie diese in ihrer Hand hielt, fingen sie an zu leuchten, denn sie waren aus purem Gold.
Und da in jedem Apfel fünf Stübchen sind, in denen jeweils zwei Kerne wohnen, besaß Anna nun achtzig goldene Kerne, die gab sie am nächsten Tag ihrer Mutter und die kaufte dafür Lebensmittel und kleine Geschenke für das Weihnachtsfest.
Das ist natürlich ein Märchen, goldene Apfelkerne, die gibt es nicht – oder vielleicht doch?

© Regina Meier zu Verl

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18. Dezember 2019

Zum Plätzchen backen bin ich in diesem Jahr gar nicht gekommen. Aber das macht nichts, ich habe nämlich immer mal wieder ein Tütchen Selbstgebackene geschenkt bekommen und die landen nun alle auf unserem Weihnachtsteller. So einfach von der Hand, wie dem Zauberer in der nächsten Geschichte geht es mir nämlich nicht, besser gesagt: mir fehlte die Zeit in diesem Jahr.

Der Zauberer Theodosius

„Ich bin ein Zauberer!“, rief der Weihnachtsmanngehilfe Theodosius und sprang einen halben Meter in die Höhe. „Ein großer Zauberer bin ich, jaja!“
Die anderen Gehilfen kicherten.
„Jetzt fängt er wieder mit diesem Blödsinn an!“, schimpfte Ambrosia, die das schon aus den vergangenen Jahren kannte. „Gleich zaubert er Weihnachtsgebäck und wir dürfen die Sache dann wieder ausbaden, weil wir, wie immer, in Verzug geraten werden!“
„Nun lass ihn doch, vielleicht hat er das Zaubern ja gelernt mittlerweile und wenn das so wäre, dann würde er uns jede Menge Arbeit ersparen“, meinte Klarina, die ein bisschen verliebt in Theodosius war.
Dankbar schaute Theodosius zu ihr hin und lächelte sie strahlend an und Klarina war hin und weg.
„Ihr nun wieder!“ Das war Ambrosia, die kopfschüttelnd die Backstube verließ. Sicher wollte sie wieder beim Weihnachtsmann petzen.
„Dann lass doch mal sehen!“, schlug Klarina vor und klopfte Theodosius aufmunternd auf die Schulter. „Was zauberst du uns zuerst?“
„Ja, ja!“, riefen auch die anderen. „Zeig, was du kannst!“
„Okay, dann mal los!“, sagte Theodosius. „Man stelle fünf Schüsseln auf den Tisch, alle müssen die gleiche Größe haben!“, ordnete er an.
Sogleich stellten die neugierigen Gehilfen fünf Schüsseln bereit. Dann sahen sie Theodosius erwartungsvoll an.
Der murmelte ein paar unverständliche Worte, hielt die Hände über jede Schüssel und wartete.
Dann rief er: „Okay, nun brauche ich eine riesige Schüssel, viel größer als die fünf anderen!“
Klarina holte eine große Schüssel aus dem Regal und stellte sie zu den anderen.
„Danke, du Liebe!“, schmeichelte Theodosius. „Nun werden die kleinen Schüsseln befüllt, in eine kommt viel Butter, in die nächste viel Zucker, in die nächste doppelt so viel Mehl, in die vierte gemahlene Mandeln und in die fünfte eine Prise Salz, ein wenig Vanillemark, etwas Zimt und Kardamom!“, ordnete er an.
„Der schmiert uns doch an!“, flüsterte Bella, eine der Kleinsten.
„Pst!“, machte Klarina und legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Stör ihn nicht!“
Als alle Zutaten verteilt waren, die Gehilfen hatten sich echt beeilt, murmelte Theodosius ein paar Worte in die leere Riesenschüssel, hob die Hände, schloss die Augen und rief dann:
„Vereinigt euch, ihr leckeren Dinge, dass euer Geschmack uns Freude bringe!“
Dann wurde es ganz still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still wurde es. Aber – es geschah nichts.
„Und jetzt?“, fragte Klarina in die Stille hinein.
Theodosius kratzte sich am Kopf. „Mmh, da muss ich wohl eine wichtige Zutat vergessen haben!“, murmelte er und ging die Zutatenliste im Kopf noch einmal durch.
„Ich hab’s, alles muss nun in die große Schüssel!“, rief er.
„Klar, das hätte ich dir auch sagen können!“ Klarina schüttelte den Kopf. Wollte er sie etwa für dumm verkaufen? So viel Frechheit hatte sie ihm nun doch nicht zugetraut und ein Fünkchen Hoffnung, dass der Zauber noch käme, wenn erst alle Zutaten in der Riesenschüssel wären, blieb noch. Also füllte sie alles, Butter, Zucker, Mehl, Mandeln und Gewürze in die Riesenschüssel und wartete.
Und sie wartete und wartete, nichts tat sich. Wie auch?
Klarina fing an, den Teig zu kneten, dann formte sie kleine Kugeln und die anderen Gehilfen gingen ihr zur Hand. Sie rollten den Teig aus, stachen Sterne aus und legten die Teigstücke auf die großen Backbleche. Der Ofen wurde angeheizt und nach und nach wurden die Bleche in den heißen Ofen geschoben. Ein köstlicher Duft breitete sich aus, der weit bis über die Backstube hinaus zu riechen war.
Während alle zusammen mit dem Verzieren der Plätzchensterne beschäftigt waren, kam auch Theodosius zurück.
„Es hat funktioniert!“, rief er begeistert aus. „Plätzchen backen, ohne einen Finger zu bewegen! Ich bin ein großer Zauberer!“

© Regina Meier zu Verl
 

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17. Dezember 2019

17. Dezember

Den zweiten Teil der Geschichte des kleinen Engels hatte ich euch vorgestern versprochen. Hier ist er nun: (Teil 1 ist HIER)

Silver, der kleine Engel (Teil 2)

Hoch am Himmel flog Silver, der kleine Engel. Nach langer Zeit der Traurigkeit fühlte er sich heute richtig wohl, nachdem ihm die Begegnung mit dem Fuchs die Augen geöffnet hatte. Er schaute hinab auf die kleine Stadt unter ihm, die weihnachtlich beleuchtet war, denn es waren nur noch ein paar Tage bis zum Weihnachtsfest. Überall in den Gärten standen beleuchtete Tannenbäume und in den Fenstern strahlte heller, warmer Kerzenschein.
Silver ließ sich ein wenig mehr nach unten gleiten, weil ihm so gefiel, was er da sah. Plötzlich hörte er seinen Namen.
„Silver“, rief eine leise Stimme. „Flieg hinab zur Erde, du wirst gebraucht!“
„Aber wohin soll ich fliegen?“, fragte Silver aufgeregt. Er spürte, dass sich Gabriels Vorhersage nun bald erfüllen würde.
„Lass dich einfach fallen, dann wirst du schon wissen, was zu tun ist“, sagte die Stimme.
Silver tat, wie ihm geheißen. Langsam sank er immer tiefer und tiefer hinab und plumpste plötzlich in den weichen Schnee direkt am Rand des Marktplatzes.
War das ein Trubel, viele Menschen gab es hier, Buden mit Süßigkeiten, sogar ein Kinderkarussell. ‚Das muss ein Weihnachtsmarkt sein!‘, dachte Silver und schaute sich neugierig um.
Mitten auf dem Platz tanzten Kinder auf einer Eisfläche einen Schlittschuhtanz. Wie lustig das aussah, gern hätte Silver ein wenig mit den Kindern herumgetollt, aber er hatte auch ein wenig Angst davon, was passieren würde, wenn man ihn entdeckte.
Ein kleines Mädchen saß am Rand der Eisbahn. Es weinte. Niemand kümmerte sich um die Kleine.
Sofort spürte Silver, dass er eingreifen musste. Wo waren denn nur die Eltern des Mädchens und warum bemerkte niemand, dass es weinte?
Sanft nahm er die Hand des Mädchens und sprach es an.
„Warum weinst du? Hast du dir weh getan?“, fragte er leise.
„Nein, aber ich bin ganz allein!“, stammelte die Kleine.
Das war nicht gut, gar nicht gut. Er flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr, hob sich in die Luft und versuchte, die Eltern des Kindes ausfindig zu machen. Er würde sie schon erkennen, ganz bestimmt.
Er entdeckte eine Frau, die sich suchend umschaute. Silver landete neben ihr und sprach sie an, doch die Frau hörte ihn nicht. Er zupfte an ihrem Mantel. Die Frau reagierte nicht.
„Silvia!“, rief sie laut. „Wo bist du denn nur?“
„Aha!“ rief Silver. „Dann bin ich wohl Silvias Schutzengel!“ Er nahm die Hand der Frau und zog sie über den Marktplatz in Richtung Eisbahn. Die Frau folgte ihm und rief immer wieder Silvias Namen und endlich sah sie ihre Tochter, die ihr aufgeregt zuwinkte.
„Mama!“, rief sie. „Ich war hier ganz allein und wusste nicht wo du bist!“
Die Frau schloss das Kind in ihre Arme.
„Ich habe so geweint, doch dann kam dieser Engel und da wusste ich, dass alles wieder gut wird!“, sagte Silvia.
„Engel?“, fragte die Frau. „Welcher Engel denn, fantasierst du wieder?“ Sie fühlte die Stirn ihrer Tochter. „Fieber hast du aber nicht!“
„Der Engel, der da neben dir steht, du hattest ihn an der Hand, als du mich gefunden hast!“, erklärte Silvia.
Die Mutter lachte. „Engel, die gibt es nur im Märchen!“, sagte sie. „Aber jetzt ist ja alles wieder gut!“
Silver lächelte. Das Kind hatte ihn gesehen, die Mutter nicht. Das war wohl das Zeichen dafür, dass er, Silver, wirklich der Schutzengel der Kleinen war.
„Silvia und Silver!“, flüsterte er und hauchte dem Mädchen einen zarten Kuss auf die Wange.
„Ja, wir beide!“, flüsterte das Kind. „Bleibst du jetzt bei mir?“
„Ja, immer!“, versprach Silver.
„Mit wem redest du?“, fragte die Mutter verwundert.
„Das ist mein Geheimnis“, antwortete Silvia und sie hat niemandem verraten, dass von da an der Engel Silver stets an ihrer Seite war.
Ja, so war das!

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16. Dezember 2019

16. Dezember
In einem der Türchen von Oma Bettys Adventskalender war eine prächtige Schneelandschaft zu sehen. Ich warte auch sehnsüchtig auf Schnee, gern meterweise hoch, oder besser doch nicht?
Egal, auf jeden Fall hatte Oma wieder eine Geschichte zum Schnee anzubieten, doch lest/oder hört selbst!

Jonas und das Schneechen

In der Nacht hatte es endlich geschneit. Jonas merkte es schon beim Aufwachen, denn es war viel heller im Zimmer als sonst.
„Lisa“, flüsterte Jonas. „Lisa, wach auf, ich glaube, es hat geschneit!“
„Dann schau erstmal nach, bevor du mich weckst, du kleine Nervensäge!“, murmelte Lisa und drehte sich auf die andere Seite, wobei sie ihre Bettdecke über den Kopf zog.
Jonas tappte mit nackten Füßen zum Fenster, kletterte auf den Stuhl, der davorstand und schaute hinaus.
„Yippie! Schnee, jede Menge Schnee!“, rief er begeistert.
„Boah!“, stöhnte Lisa. „Bruder, du nervst! Und jetzt sei leise, du weckst Mama und Papa noch auf.“
Jonas zog seinen Schlafanzug aus, stieg in seine Jeans, schnappte seinen dicken Pulli und die Socken und verließ das Kinderzimmer. Sollte Lisa doch liegenbleiben. Er würde nun jedenfalls sofort raus in den Garten gehen, bevor der Schnee wieder weg war. Man wusste ja nie!
Am Schlafzimmer seiner Eltern schlich er leise vorbei und die vorletzte Treppenstufe ließ er aus, weil sie so knatschte. Dass der Sprung beinahe genauso viel Lärm machte wie das Knatschen hatte er nicht bedacht. Schon hörte er die Stimme seiner Mutter.
„Jonas, was machst du da unten?“
„Ich hole mir was zu trinken, Mama. Schlaf ruhig weiter!“, antwortete er und grinste.
Mama hatte sich wohl auf die andere Seite gedreht, jedenfalls machte sie keine Anstalten aufzustehen. Vorsichtshalber wartete Jonas noch ein Weilchen, bevor er leise die Haustür öffnete und endlich im Garten stand.
War das eine Pracht. Noch völlig unberührt lag eine dicke Schneedecke auf dem Rasen. Jona rieb sich die Hände und fasste dann vergnügt in das kalte Nass. Er formte einen Schneeball und wollte gerade ansetzten, den Ball durch den Schnee zu rollen, um ihn zu vergrößern, als er eine feine Stimme hörte:
„Lass das! Das ist mein Schnee!“
Jonas ließ vor Schreck den Schneeball fallen.
„Bist du verrückt?“, kreischte die Stimme nun lauter. „Zuerst klaust du meinen Schnee und dann schüttest du mich damit zu! Hilf mir sofort wieder hier raus!“
Jonas bückte sich und versuchte, den Schnee, den er gerade hinuntergeworfen hatte, wieder aufzunehmen und was kam darunter zum Vorschein? Nichts! Jedenfalls war nichts zu sehen und trotzdem schimpfte dieses ‚Nichts‘ laut weiter.
„Guck nicht so blöd!“
Jonas schluckte, dann fragte er vorsichtig: „Wer bist du und wo bist du? Ich sehe dich nicht!“
Die Stimme kicherte. „Du musst schon genauer hinschauen, Jonas!“
Jonas ließ sich auf die Knie nieder und blickte konzentriert auf den Schnee und dann sah er in all dem Weiß ein kleines rosa Herzchen, so winzig klein wie die Zuckerherzen auf den Weihnachtsplätzchen. Er streckte die Hand aus, um es aufzunehmen.
„Nicht anfassen!“, kreischte die Stimme. Erschreckt zog Jonas seine Hand zurück, nun hatte er sich so über den Schnee gefreut und jetzt durfte er ihn nicht anfassen. So gern hätte er einen Schneemann gebaut.
Plötzlich bewegte sich das Herzchen und dann sah Jonas, dass es gar kein Herzchen war, sondern ein winzig kleines Schnäuzchen.
„Siehst du mich nun endlich, Jonas?“
Jonas schaute noch genauer hin und erblickte zwei winzige Äuglein und ja, Augen und Herzschnäuzchen gehörten zu einem Tier mit weißem Fell. Oh, war das niedlich!
„Bist du ein Mäuschen?“, fragte Jonas.
„Nein, bin ich nicht. Rate nochmal!“, sagte das Tierchen vergnügt. Offensichtlich machte es ihm Spaß, das Kind hinzuhalten.
„Bist du vielleicht ein … Schneechen?“, fragte Jonas
„Ein Schneechen? Was soll das denn sein? So ein Unsinn!“, schimpfte das Kleine. „Rate noch einmal, aber wehe, wenn du es nun nicht errätst, dann lasse ich den Schnee schmelzen, jawohl, das mache ich!“
Das wollte Jonas auf keinen Fall, deshalb strengte er sich an und ging in Gedanken alle Tiere durch, die er so kannte und die ein rosa Schnäuzchen haben konnten. Das Tierchen bewegte sich, hüpfte ein wenig vor ihm herum und dabei erkannte Jonas zwei verhältnismäßig lange Ohren. Sein Herz tat einen Hüpfer, denn sofort fiel ihm ein, um was für ein Tier es sich handeln könnte.
„Du bist ein …“, sagte er ganz langsam und dabei betonte er jedes Wort.
„Nun sag schon!“, trieb das Tierchen ihn an.
„Schneehäschen!“, posaunte Jonas aus und grinste.
„Genau!“, rief das Häschen und hüpfte freudig im Kreis. Dabei hinterließ es winzige Spuren im Schnee, Schneehäschenspuren eben.
„Mit wem sprichst du denn da?“, rief Lisa vom Kinderzimmerfenster aus.
„Verrate mich nicht“, flüsterte das Häschen.
„Abgemacht!“, versprach Jonas und dann rief er laut: „Ach, ich führe Selbstgespräche, Lisa. Ich komme jetzt auch ins Haus, es ist ganz schön kalt!“

Sein Erlebnis mit dem Schneehasen hat Jonas für sich behalten. Vermutlich hätte ihm sowieso niemand geglaubt, aber das machte nichts. Er wusste ja, dass er es erlebt hatte und nur das zählte für ihn. Der Schnee blieb eine ganz Woche liegen und wenn Jonas im Garten war, dann bewegte er sich ganz vorsichtig und schaute bei jedem Schritt, ob er nicht aus Versehen auf ein rosa Herzchen trat.
Später hat Jonas die Geschichte aufgeschrieben, sonst könnte ich sie ja jetzt nicht erzählen, nicht wahr?

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