Früher oder ganz früher? (Oma Betty)

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Früher oder ganz früher? (Oma Betty)

Oma Betty hat selten schlechte Laune und wenn, dann nur ganz kurz, fünf Minuten oder so. Bei Mama ist das anders. Sie kann auch mal eine Stunde, oder noch viel länger übellaunig durch die Gegend laufen. Ist ja klar, verstehe ich auch. Mama ist für alles zuständig, das kann einem schonmal die Laune verhageln. Sie muss sich um uns kümmern, um Papa auch; sie muss die Wäsche waschen und kochen und immer ist einer dabei, dem es nicht schmeckt. Papa kocht aus diesem Grund eher selten und Wäsche macht er auch nicht gern, weil er mal eine Maschine Wäsche verfärbt hat und das hat Mama ihm lange aufs Butterbrot geschmiert.
Wenn wir morgens alle aus dem Haus gehen, dann geht Mama auch zur Arbeit und sie kommt zurück, bevor wir alle wieder da sind. Das fällt praktisch gar nicht auf, dass sie weg war und deshalb merkt eigentlich auch keiner, dass Mama ja auch noch außer Haus arbeitet.
„Das gab es früher nicht!“, sagt Oma Betty. „Da waren die Mütter zu Hause!“
„Aber Oma, du hast doch auch immer gearbeitet!“, erinnere ich sie. Oma überlegt einen Moment, dann nickt sie. „Ich meine auch ganz früher!“
„Ganz früher?“
„Ja, als ich Kind war!“, erklärt Oma und ich glaube, dass sie nun selbst blöd findet, dass sie diesen Spruch – Das gab es früher ja nicht – verwendet hat.
Es gibt noch einen Satz, den Oma so richtig doof findet: Wir hatten ja damals gar nichts! Wenn Oma das hört, dann wird sie fuchsteufelswild.
„So ein Blödsinn!“, schimpft sie dann und das ist dann so ein Moment, der ihre Laune in den Keller sacken lässt. Ich lasse sie in Ruhe, das ist das Beste. Ich weiß auch genau, was sie sagen wird, wenn die Laune wieder die Treppe hochkrabbelt.
„Wir hatten es so gut damals. Es gab zwar nicht so viel Spielzeug, aber wir haben uns tolle Spiele ausgedacht und stundenlang haben wir Buden im Wald gebaut. Wir waren bei jedem Wetter draußen und deshalb waren wir auch selten krank!“
„War das früher, oder ganz früher, Oma?“, will ich dann wissen und dann kommt sie ins Schleudern.
„Ganz früher, als ich Kind war!“, sagt sie und grinst. „Du willst es auch immer ganz genau wissen!“
„Wer nicht fragt, bleibt dumm! Das hast du mir selbst beigebracht, Oma und nun sollten wir einen Spaziergang machen!“
„Aber es regnet doch!“ Oma schaut zweifelnd aus dem Fenster.
„Hast du nicht gerade gesagt, dass ihr bei jedem Wetter draußen wart?“
Eins zu Null für mich. Oma versucht gar nicht mehr, sich mit dem Wetter herauszureden. Emmy holt ihre Leine und ich mein Skateboard und Oma fügt sich. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty in der Schule

Oma Betty in der Schule

Ich bin etwas aufgeregt heute. Oma Betty wird mich gleich abholen und dann gehen wir gemeinsam in die Schule.
Meine Lehrerin hat gesagt, dass ich Oma doch mal einladen soll. Ich habe ihr nämlich von dem Buch mit den gesammelten Wörtern erzählt, ihr wisst schon. Diese Idee fand Frau Sommer ganz toll und nun möchte sie, dass Oma uns ihr Buch einmal zeigt.
Es haben auch andere Kinder schonmal was mitgebracht. Neulich zum Beispiel hatte der Florian seinen Goldhamster dabei und Mareike durfte uns ihre Geige vorstellen. Aber eine Oma, die hatte noch nie einer mitgebracht. Hach, ich bin so aufgeregt.
Da klingelt es auch schon.
„Moin, mein Junge!“, ruft Oma schon im Flur. Sie hat sich schick gemacht heute, extra für mich. Das gefällt mir. Blitzschnell springe ich die Treppe runter.
„Toll siehste aus, Oma!“ Es ist nie falsch, einer Dame ein Kompliment zu machen, sagt Opa immer und das habe ich mir gemerkt. Oma scheint das auch zu gefallen, sie bekommt nämlich ganz rote Wangen. Vielleicht ist es aber auch die Aufregung.
„Können wir los?“, fragte sie und schaut noch schnell in die Küche, wo Mama und meine Schwester noch beim Frühstück sitzen. „Ich bringe ihn dir heute Mittag zurück!“, sagt sie zu Mama.
Ich sitze hinten in meinem Kindersitz. Nach vorn darf ich noch nicht, weil ich noch keinen Meterfuffzig groß bin. Aber das wird nicht mehr lange dauern, ich esse nämlich sehr oft Spinat. Davon wächst man – glaube ich.
Nach ein paar Minuten sind wir an der Schule angekommen und dann ist es endlich soweit: Ich kann meine Oma zeigen. Mann, bin ich aufgeregt.
„Ich habe noch eine Bitte, Oma!“, sage ich ihr leise ins Ohr.
„Was denn?“, will Oma wissen.
„Bitte nicht küssen vor den Leuten hier, okay!“ Oma lacht und hebt ihre Hand. „Indianerehrenwort!“, sagt sie und ich klatsche ab. Oma ist cool.
Da kommt uns auch schon Frau Sommer entgegen. Sie begrüßt Oma herzlich.
„Philip, darf ich deine Oma entführen? Ich bringe sie dann gleich mit in die Klasse, wenn der Unterricht beginnt, okay?“
Damit bin ich einverstanden.
„Wer ist die alte Frau?“, fragt mich Hannes. Ich erkläre ihm, dass sie nicht alt ist und dass es meine Oma ist, die coolste Oma von allen. Hannes ist schwer beeindruckt und nimmt das ‚alt‘ zurück.
Dann ist es soweit, wir alle sitzen in der Klasse und als Frau Sommer hereinkommt, springen wir auf und rufen: „Guten Morgen Frau Sommer und guten Morgen Oma von Philip!“
Oma grinst, Frau Sommer auch. Dann ist Oma dran. Sie erzählt von ihrem Buch und hat auch ein paar lustige Beispiele für uns: Wonneproppen für ein süßes Baby mit dicken Backen, Tropfenfänger und damit ist nicht das Taschentuch gemeint, sondern ein Gebilde aus etwas Schaumstoff mit einem Gummiband, das um die Tülle einer Kaffeekanne gelegt wird, damit es nicht auf die Tischdecke tropft. Ich kann die Wörter hier nicht alle aufschreiben, aber ich habe einen Tipp für euch: Legt euch selbst so ein Buch an, denn nun kommt der Hit der Stunde. Jedes Kind bekommt von Frau Sommer ein kleines Sammelbüchlein; von nun an sind wir eine Wörtersammelklasse und wenn wir erstmal einige Wörter gefunden haben, dann laden wir Oma wieder ein und tauschen uns aus. Ja, so machen wir das!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty sammelt Wörter

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Oma Betty sammelt Wörter

Oma Betty hat ein dickes Buch, das sie immer mit sich herumträgt, sogar im Urlaub. Sie sammelt darin Wörter und Sätze, sagt sie. Verrückt, oder?
Ich habe auch viele Bücher, darin sind viele Wörter und jede Menge Sätze. Sammeln muss ich die nicht, die hat schon jemand anders da hineingeschrieben. Wenn ich Oma Bettys riesiges Bücherregal so anschaue, dann wundere ich mich, dass sie noch immer Wörter und Sätze sammelt. Wie gesagt, so ein bisschen verrückt ist Oma Betty, weiß sie aber auch selbst.
„Oma, sag mir doch mal so ein Wort, das in deinem Buch steht und dann erklär mir, warum es da drinsteht und drittens: steht es in keinem deiner anderen Bücher?“, frage ich Oma.
Sie schlägt ihr Sammelbuch auf und deutet auf ein Wort.
„Hier zum Beispiel“, sagt sie. „Dieses ist ein besonderes Wort. Es heißt: Possenreißer.“
„Habe ich noch nie gehört!“, stelle ich fest. „Was bedeutet es?“
„Es ist ein altes Wort, heute würde man wohl Spaßmacher sagen oder Komiker, einer, der Witze macht!“, erklärt Oma.
„Aha, ich verstehe! Und weil es niemand mehr kennt, steht es in deinem Buch?“
„Ja, so in etwa. Ich mag die alten Wörter, sie sollten nicht in Vergessenheit geraten!“ Oma Betty blättert weiter.
„Warte, Oma, du hast mir „drittens“ noch nicht beantwortet!“, erinnere ich sie.
„Stimmt, also vermutlich steht in irgendeinem von meinen Büchern dieses Wort sogar, so auf Anhieb weiß ich aber nicht, in welchem das sein könnte!“ Das reicht mir vorläufig als Antwort.
„Jetzt noch ein Wort, bitte!“ Nun will ich es aber genau wissen, möglicherweise werde ich auch Wörter sammeln … und Sätze.
Oma blättert, dann grinst sie.
„Dieses Wort hat mein Opa häufig benutzt!“, sagt sie. „Blümerant!“
„Das kenne ich!“, rufe ich. „Mamas neue Bluse ist auch blümerant!“
Oma lacht laut auf, dann schüttelt sie den Kopf.
„Hört sich so an, als könnte es richtig sein, ist aber nicht so. Blümerant bedeutet ‚nicht gut zurecht sein‘, also wenn man sich unwohl fühlt, dann ist einem blümerant zumute.“
Nun muss ich auch lachen, diese Wörter sind ziemlich lustig und ich verstehe, dass Oma sie sammelt.
„Hast du was dagegen, wenn ich nun auch Wörter sammle?“, frage ich Oma Betty. Sie hat absolut nichts dagegen, im Gegenteil, sie freut sich.
Und wenn ich mal eines finde, das sie selbst noch nicht in ihrer Sammlung hat, dann werde ich es ihr schenken. Ich mache mich dann mal auf die Suche!

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Wieder was gelernt (Oma Betty)

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Wieder was gelernt (Oma Betty)

„Meine Schwiegermutter“, sagt Oma Betty und drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, „hat sich sogar nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, einen Kaffee gekocht und sie hat behauptet, dass sie nach einer Tasse wunderbar einschlafen konnte!“
„Und? Stimmte das?“, will ich wissen, denn Mama sagt immer, dass sie abends keinen Kaffee mehr trinken kann, weil sie dann keine Ruhe findet. Ich darf übrigens aus dem gleichen Grund keine Cola trinken.
„Muss wohl gestimmt haben!“, meint Oma Betty.
„Oma?“
„Ja?“
„Was ist eine Schwiegermutter?“ Ich habe das Wort schon so oft gehört, aber so richtig hinterfragt habe ich das noch nicht.
„Meine Schwiegermutter war die Mutter von deinem Opa!“, erklärt Oma Betty.
„Ach so, meine Uroma, stimmt’s?“ Ich habe sie noch kennengelernt, aber so richtig kann ich mich nicht mehr an sie erinnern.
„Ich bin auch eine Schwiegermutter!“, sagt Oma. „Nun rate mal, wessen Schwiegermutter ich bin!“
„Warte, also du bist ja Mamas Mutter und meine Oma und für meine Kinder würdest du die Uroma sein … ich hab’s, du bist Papas Schwiegermutter!“ Das war eigentlich ganz einfach
„Da hast du das Pferd aber von hinten aufgezäumt!“, lacht Oma und das verstehe ich schon wieder nicht. Wie meint sie das denn nun wieder?
„Das sagt man, wenn man auf Umwegen ans Ziel kommt!“ Ich nicke, verstanden habe ich es noch immer nicht so richtig. Wo war denn da ein Umweg? Jedenfalls weiß ich nun, was eine Schwiegermutter ist. Eines Tages werde ich vielleicht auch eine haben und dann werde ich ihr erzählen, dass die Schwiegermutter meiner Oma nachts immer Kaffee getrunken hat. Man soll ja Erinnerungen wachhalten, oder so!

© Regina Meier zu Verl

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Oma Betty sucht den Frühling

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Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hinwill, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

© Regina Meier zu Verl

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Oma Bettys Feenorakel

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Oma Bettys Feenorakel

Eine Frau in einem blauen Samtkleid legt den rechten Arm um den Hals eines Einhorns. Sie hat blauschwarze, lange Haare und um sie herum ist ein Leuchten. Die Frau lächelt. Sie schaut aus einer Baumhöhle in die bunte Welt voller Sonnenschein.
„Was macht sie da? Und wer ist sie?“, frage ich Oma Betty. Fasziniert betrachte ich die Karte aus Omas Feenorakel. Morgens ziehen wir beide nämlich immer eine Karte. Gut, nicht immer, aber wenn ich bei Oma bin und da bin ich wirklich gern. Mit Oma ist es nie langweilig.
„Es scheint eine Feenkönigin zu sein!“, sagt Oma. „Schau, sie trägt eine Krone!“
Jetzt sehe ich es auch. Zu ihren Füßen wachsen Pilze, ähnlich wie Fliegenpilze, aber nicht rot mit weißen Tupfen, sondern bunt und in verschiedenen Formen.
„Solche Pilze gibt es ja gar nicht!“, behaupte ich, denn gerade neulich haben wir in der Schule über Pilze gesprochen und verschiedene Arten kennengelernt.
„Das kannst du ja gar nicht wissen.“, meint Oma und betrachtet die Karte noch ein wenig genauer.
„Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“
„Meinst du?“, frage ich.
„Weiß ich!“, sagt Oma bestimmt. „Manchmal träume ich von solchen Dingen und wenn es sie nicht gäbe, wo sollten dann meine Träume herkommen?“
Mir fällt ein, was Mama neulich gesagt hat, als sie abends mit Papa in der Küche saß.
„Mutter wird langsam wunderlich!“, hatte sie gesagt und Papa hatte laut gelacht. „Meine Liebe“, hatte er gesagt, „werden wir das nicht alle eines Tages? Ich finde es jedenfalls prima!“
„Dass sie wunderlich wird, oder was?“
„Nein, dass sie so viel Fantasie besitzt und unseren Kindern von einer bunten Welt erzählt. Probleme können sie noch lange genug wälzen!“
Dieses Gespräch habe ich deutlich in Erinnerung und ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Oma wunderliche Geschichten erzählt. Ich glaube sogar, dass das meiste von dem, was sie erzählt, wahr ist. Ob es Feen gibt, wie auf Omas Karten, das ist mir gerade piepegal. Ich möchte daran glauben und das ist es, was zählt, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Weiberfastnacht

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Weiberfastnacht

 

„Ich lach mich kaputt!“ Oma Betty wedelt sich mit den Händen Luft ins Gesicht, damit die Lachtränen keine Chance haben. Doch es ist bereits zu spät. Dicke Krokodilstränen kullern aus ihren Augen und zerstören eine halbe Stunde sorgfältiges Arbeiten vor dem Spiegel.
„Ausgerechnet heute …“, kräht Oma Betty. „Wo doch der Bürgermeister …“ Sie bricht ab und rennt ins Badezimmer, kommt aber gleich darauf mit dem Zehnfach-Vergrößerungsspiegel zurück. Fassungslos betrachtet sie ihr Spiegelbild und dann geht es wieder los, zuerst ein Glucksen nur, das aber schwallartig zu einem Lachanfall besonderer Güte wird.
„Was ist mit dem Bürgermeister?“, will ich nun wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, was der damit zu tun haben könnte, dass Oma so aus der Fassung gerät.
„Er hat mich eingeladen!“, seufzt Oma und schlagartig verändert sich das Lachen und weicht einem Schluchzen.
„Was ist daran so lustig?“, frage ich vorsichtig und tätschele ihren Oberarm, um sie zu beruhigen.
„Nichts!“, stottert Oma. Sie nimmt ein Tempotuch und versucht die schwarzen Streifen, die ihr gepudertes Gesicht zieren wegzuputzen. Wenn ich das richtig beurteilen kann, macht sie es dadurch noch schlimmer. Mittlerweile ist ihr Gesicht gerötet. Wieder und wieder spuckt sie auf das Tuch und putzt und reibt verzweifelt.
„So soll der mich nicht sehen!“, jammert sie und wirft das Tempotuch in die Ecke. „So nicht!“
Das verstehe ich. So würde ich mich auch nicht gern sehen lassen. Ich frage mich nur, warum sie diesen Aufwand betreibt. Also frage ich mal nach:
„Oma, warum bleibst du nicht einfach so wie du bist. Ich finde dich voll okay!“, sage ich und warte ab.
„Meinst du?“, sagt sie zögernd und versucht, ihrem Spiegelbild zuzulächeln. In zehnfacher Vergrößerung sieht das wohl besonders lustig aus, denn prompt lacht sie wieder los.
Ich kann mich nun auch nicht mehr zusammenreißen und dann lachen wir beide Tränen.
Als wir uns beide wieder beruhigt haben holt Oma einen Waschlappen und wischt die Reste ihrer Malaktion ab. Der Lappen ist braun-schwarz-blau, igitt.
„Ich geh einfach nicht hin!“, sagt Oma. „Da kommen genügend andere, außerdem kennt er mich gar nicht!“
„Wer?“
„Der Bürgermeister!“
„Dann iss ja gut!“, meine ich und insgeheim bin ich froh, dass sie zu Hause bleibt. Ich habe nämlich heute frei. Ist ja Weiberfastnacht und zum Bürgermeister muss ich auch nicht, der hat nämlich die Frauen eingeladen – alle. Und ich bin nun mal ein Mann, ein kleiner, aber immerhin!

Worüber Oma anfangs so gelacht hat, das habe ich noch nicht rausbekommen. Ich bleibe aber am Ball, versprochen.

 

© Regina Meier zu Verl

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Überredet

 

Überredet

 

Irgendwie schaut mein Frauchen heute etwas traurig aus der Wäsche. Was ist nur mit ihr los? Sie macht auch keine Anstalten, mich endlich für den Spaziergang anzuleinen. Das ist seltsam. Sonst sind wir um diese Zeit längst unterwegs. Ich müsste auch mal dringend pieseln.
Sie sitzt da auf ihrem Sessel und macht nichts, sie liest nicht, sie strickt nicht, sie telefoniert nicht. Ungewöhnlich ist das und so langsam mache ich mir echt Sorgen.

Da, jetzt legt sie schon wieder die Hände auf ihren Bauch und stöhnt. Ob sie Bauchschmerzen hat, so wie ich neulich?
Ich lege ihr meinen Kopf aufs Knie und versuche sie zu hypnotisieren. Gequält lächelt sie mich an und krault mich ein wenig hinter den Ohren. Das tut gut, aber es reicht nicht. Ich will raus! Jetzt!

Wäre ich noch etwas beweglicher, dann würde ich ihr auf den Schoß springen. Aber das kann ich nicht mehr, es ist schon blöd genug, dass ich nicht einmal mehr aufs Sofa kann. Dort war es immer so schön gemütlich, besonders dann, wenn Frauchen und ich gemeinsam dort lagen.

Wir sind zwei alte Damen, mein Frauchen und ich. Aber ich finde, dass wir beide noch ganz passabel aussehen und im Großen und Ganzen sind wir auch gesund, meist jedenfalls.
Ob ich einfach mal meine Leine holen sollte?
Doch, die hängt an der Garderobe und ich komme nicht dran. Ob es hilft, wenn ich sie anbelle, die Leine? Einen Versuch ist es wert. Also dann!

„Was machst du denn für ein Getöse, Emmi?“, fragt Frauchen. Endlich steht sie auf, seufzt, zieht ihre Schuhe an und die dicke Jacke. Dann befestigt sie die Leine an meinem Halsband und dann habe ich erreicht, was ich wollte. Es geht raus an die frische Luft. Das tut uns beiden gut. Frauchens Wangen röten sich sogar ein wenig.
„Hast recht gehabt, Emmi, nach draußen zu gehen war die beste Idee des Morgens. Schau mal, wie herrlich die Sonne scheint!“
Nach dreimaligem Pieseln und einmal „Ihr wisst schon was“, gehen wir noch ein Stückchen weiter. Hach, wie gut, dass ich mich durchgesetzt habe. Frauchen kann froh sein, dass sie mich hat!
„Wie froh ich bin, dass ich dich habe“, sagt Frauchen in diesem Moment. „Ohne dich hätte ich mich heute nicht aufraffen können!“

„Sag ich doch!“, denke ich und springe an ihr hoch. Wir tun uns gut, wir beide, echt!

 

© Regina Meier zu Verl

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Aus Omas Wollkorb

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Aus Omas Wollkorb

„Oma, in meiner Klasse ist einer, der sagt jedes Mal, wenn wir unsere Schuhe an der Klassentür ausziehen: So schöne Socken hätte ich auch gern mal!“, erzählt Philip.
„Ja? Dann mag er wohl selbst gestrickte Socken auch so gern wie du?“ Oma freut sich. Sie strickt für ihr Leben gern Socken und besonders gern für Philip, der das zu schätzen weiß. Seit er klein war, hat sie für ihn gestrickt und er trägt die bunten Fußwärmer fast das ganze Jahr.
„Er hat aber keinen, der ihm welche stricken kann, sagt er!“, erzählt Philip weiter.
„Der Arme!“, bedauert Oma den Unbekannten.
„Ja, finde ich auch. Dabei hat er immer so kalte Füße und neulich hatte er sogar ein Loch im Socken.“

Philip sortiert die Wollknäuel in Omas Handarbeitskorb nach Farben.
„Ein Loch in der Socke ist unangenehm!“, meint Oma.
„Sehr!“, sagt Philip und fischt ein neongrünes Restknäuel aus dem Korb. „Wenn ich stricken könnte, dann würde ich ihm wohl ein Paar stricken, Oma. Ich mag ihn sehr gern!“
Oma schweigt und klappert mit den Nadeln.
„Weißt du seine Schuhgröße?“, will sie dann von Philip wissen.
Der schüttelt den Kopf. „Nee, weiß ich nicht, aber ich könnte ihn fragen. Allerdings …“
„Ja?“
„Dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Ich würde ihn gern überraschen, weißt du?“
Oma grinst. Längst hat sie gemerkt, worauf das Gespräch hinauslaufen wird, aber sie lässt den Philip noch ein wenig zappeln.
„Ich könnte dir das Stricken beibringen!“, schlägt sie vor. Philips Mundwinkel wandern nach unten. So hat er sich das nicht vorgestellt.
„Ja, das könntest du, aber es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich ein Paar gestrickt hätte. Sicherlich wäre dann schon Sommer und dann ist er nicht mehr da, er zieht nämlich um!“
Oma legt das Strickzeug zur Seite. Viel zu gern würde sie ein Paar Strümpfe für Philips Freund stricken. Der arme Junge soll doch nicht weiterhin mit löchrigen Socken im Unterricht sitzen.
„Sag doch einfach, was du willst, Philip! Das spart Zeit!“, schlägt sie vor und wartet ab.
„Würdest du mir ein Paar stricken, Oma?“
„Na bitte, geht doch!“ Oma lacht. „Dann müssen wir nur noch die Schuhgröße herausbekommen und es kann losgehen!“
„Oma, du bist die Beste. Gleich morgen schaue ich unter seine Schuhe, da steht doch immer die Größe, stimmt’s?“
Oma nimmt ihr Strickzeug wieder auf. In Gedanken sortiert sie schon ihre Wollreste. So ein Paar Kindersocken sind ja schnell gestrickt. Wenn sie sich beeilt, dann kann Philip seinen Freund schon nächste Woche damit erfreuen.
„Sag mal Philip, wie heißt denn dein Freund eigentlich?“, will Oma noch wissen.
„Er heißt Herr Müller und ist unser Sportlehrer!“, sagt Philip fröhlich.

Oma sieht einen jungen, riesigen Mann vor sich, der mindestes Schuhgröße 46 haben wird und da liegt sie gar nicht so falsch. Aber: versprochen ist versprochen, denkt sie sich und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl

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Krümelkinder

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Hier war wohl das Mäuschen schneller.

Krümelkinder

„Na du, wartest du auf den Bus?“, fragt die Taube Tilli die Amsel, die sich gerade neben ihr auf dem Wartehäuschen niedergelassen hat.
„Auf den Bus? Wie kommst du darauf? Ich brauche keinen Bus, ich kann doch fliegen!“, antwortet diese und kichert. Dieses Kichern klingt wie eine schöne Melodie.
„Worauf wartest du dann?“, will Tilli wissen.
„Auf den Frühling, meine Liebe, und du?“ Die Amsel schüttelt ein paar Wassertropfen von ihrem Gefieder.
„Ich warte auf die Kinder. Sie müssen gleich aus der Schule kommen!“ Tilli späht aufgeregt von rechts nach links und wieder zurück.
„Und dann?“, fragt sie die Taube. „Was hast du vor mit den Kindern?“
„Mit ihnen habe ich nichts vor. Ich warte darauf, dass sie ihre Butterbrote auspacken und dann ist meine Zeit gekommen!“ Tilli lacht gurrend, eine gewisse Vorfreude ist ihr anzumerken. Die Amsel schaut Tilli verständnislos an.
„Wieso? Warum?“, fragt sie neugierig.
„Na, sie packen ihre Brote aus und dann krümeln sie! Ich liebe Kinder, die krümeln. Sie haben ein Herz für uns Vögel!“, erklärt Tilli. Langsam beginnt die Amsel zu verstehen.
„Aha, und dann pickst du die Krümel auf!“, lacht sie. „Aber sag: Reicht das denn für eine Mahlzeit?“
„Mal ja, mal nein. Man darf halt die Hoffnung niemals aufgeben!“ Das klingt ernst. Der Amsel tut das leid, sie selbst hat großes Glück in diesem Winter, sie hatte immer etwas zu essen gefunden.
„Wie heißt du eigentlich?“, will Tilli nun von der Amsel wissen.
„Ich heiße Alice, so wie die Alice aus dem Wunderland!“, flötet die Amsel.
„Alice, heute ist dein Glückstag!“, ruft Tilli fröhlich aus. „Ich lade dich zum Essen ein!“
In diesem Moment kommt eine Schar aufgeregt schwatzender Schüler auf die Bushaltestelle zu. Sie setzen sich auf die Bank im Unterstand und packen, genau wie Tilli es vorausgesagt hatte, ihre Pausenbrote, oder das, was davon übriggeblieben ist, aus. Ja, und sie krümeln was das Zeug hält. Tilli läuft das Wasser im Schnabel zusammen, doch noch traut sie sich nicht hinunter. Erst als der Bus alle Kinder aufgenommen hat, fliegen die beiden Vögel auf den Boden und picken die Krümel auf. Tilli findet sogar ein riesiges Stück Brotkruste, das sie mit ihrer neuen Freundin teilt.
Zum Dank dafür singt Alice ein herrliches Frühlingslied und wenn ich mich nicht irre, dann habe ich die beiden gerade in trauter Einigkeit auf meiner Terrasse entdeckt. Dort habe ich nämlich eine Handvoll Sonnenblumenkerne verstreut, wie jeden Morgen.

© Regina Meier zu Verl

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