Omas Kartoffelsalat (Reizwortgeschichte)

Schon wieder ist es Zeit für unsere Reizwortgeschichte, folgende Wörter waren diesmal zu verwursten:
Kartoffelsalat Treppenstufeverschwindenödeglühend
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore
Martina
Eva
Christine

Omas Kartoffelsalat
 
Wenn bei uns zu Hause gefeiert wurde, dann bereitete meine Oma immer eine Riesenportion Kartoffelsalat zu. Keiner konnte das so gut wie sie. Alle hatten es schon versucht, Mama, Tante Lisa, sogar Onkel Matthias, ihre Salate kamen nicht annähernd an den herrlichen Kartoffelsalat meiner Oma heran. Das Rezept rückte sie aber nicht raus und wenn mal einer versuchte, sie auszuspionieren, dann hat sie es stets gemerkt und den Spion aus ihrer Küche verwiesen. Oma wurde dann zum Feldwebel. „Verschwindet aus meiner Küche, aber zackig!“, rief sie dann und niemand widersetzte sich, schon weil alle fürchteten, dass sie dann keinen Salat mehr machen würde.
Oma sah nicht mehr so gut. Sie hatte eine Brille, aber die war ihr beim Kochen lästig. „Immer beschlägt das blöde Ding!“, behauptete sie und setzte sie nur auf, wenn sie die Zeitung las, oder das Haus verließ. Und natürlich sonntags, wenn sie in die Kirche ging, wo sie mit Inbrunst die Lieder mitsang. Oma war textsicher, jedenfalls in den ersten drei Strophen, für die restlichen brauchte sie die Brille.
An einem Sonntag im Herbst war ich mit Oma in der Kirche. Wir saßen immer ganz hinten, weil Oma dann besser sehen konnte, wer so alles in die Kirche kam. So ein Gottesdienst war ja ein gesellschaftliches Ereignis und da musste sie doch sehen, wer daran teilnahm. Leise kommentierte sie, damit ich auch was davon hatte. „Guck, das ist Försters Grete, die kennst du doch, ne?“, sagte sie zum Beispiel. Wenn ich das verneinte, dann lieferte sie der Erklärung nach: „Die ist doch eine geborene Schlüter, von Schlüters, die hinten bei den Fichten wohnen! Die hat dann den Förster geheiratet, den wollte sonst keine!“ oder „Nun guck dir die alte Meiersche an, den Hut hat sie doch schon dreißig Jahre, unglaublich!“ Ich musste mir oft das Lachen verkneifen, das kann man sich sicher vorstellen! Öde waren die Besuche mit Oma in der Kirche auf keinen Fall, sie wusste über jeden etwas zu berichten und ich hörte brav zu.
Manchmal buffte sie mich in die Seite, dann musste ich genau hinschauen, wer da gerade an uns vorbei durch den Mittelgang marschierte. Die meisten Leute aus unserem Dorf kenne ich ja, aber es war auch immer mal einer dabei, den ich noch nie gesehen hatte. Also verkniff ich mir „Aua“ zu rufen und schaute genau hin.
„Der Tonius, der war in meiner Klasse!“, sagte sie einmal. „Wenn du mir versprichst, es keinem Menschen weiterzusagen, dann verrate ich dir was!“ Ich hob drei Finger zum Schwur und war gespannt. „Du darfst es aber wirklich nicht sagen, vor allem dem Opa nicht, der wird verrückt, wenn er das hört!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Du kannst dich drauf verlassen, heiliges Ehrenwort!“, sagte ich, weil ich das in der Kirche für angemessen hielt. „Der war mal ein glühender Verehrer von mir und beinahe …“ Jetzt wurde es spannend. „Ja?“, fragte ich. „Beinahe hätte ich den geküsst!“ Oma errötete ein kleines bisschen. Verschämt sah sie sich um. „Das hat doch wohl keiner gehört, oder?“, wollte sie von mir wissen. „Nee, bestimmt nicht, ich habe es selbst kaum hören können!“, beruhigte ich sie. Vor lauter unterdrücktem Lachen hatte ich einen Schluckauf bekommen. Die Leute schauten schon auf mich und das war Oma natürlich sehr unangenehm, wo sie mir doch gerade so ein geheimes Geheimnis anvertraut hatte.
Als der Gottesdienst zu Ende war, hatte sie es dann plötzlich sehr eilig nach Hause zu kommen. Sie wartete nicht einmal mehr den Segen ab und zog mich zum Ausgang. Und wie das so ist, wenn man nicht mehr so gut sieht und die Brille in der Handtasche ruht und man es zudem noch eilig hat, man wird unvorsichtig und es passierte, was passieren musste. Oma übersah die letzte Treppenstufe vor dem Kirchenportal und stürzte.
Ich versuchte ihr aufzuhelfen, aber das war nicht möglich. Schmerzverzerrt fluchte Oma: „Heiliges Kanonenrohr! Der Kartoffelsalat!“ Ungläubig sah ich sie an. Was hatte denn der Kartoffelsalat damit zu tun?
„Da ist bestimmt was gebrochen!“, heulte sie. „Und ich habe den Kartoffelsalat noch nicht fertig, heute Abend kommen doch Tina und Jörg zum Essen!“
„Also Oma, wenn du keine anderen Sorgen hast!“, schimpfte ich. Die anderen Gottesdienstbesucher kamen nun auch aus der Kirche und sahen die Bescherung. Hilfe nahte in Form von Tonius, dem glühenden Verehrer.
„Nicht bewegen!“, rief er besorgt. „Ich rufe einen Krankenwagen!“ Er zückte sein Handy und wählte den Notruf an.
Eine Viertelstunde später saßen Oma und ich im Krankenwagen. Glücklicherweise war nichts gebrochen, nur der Knöchel war verstaucht und Papa konnte uns aus dem Krankenhaus wieder abholen. Oma saß dann in der Küche, Papa bettete ihren Fuß auf einen Hocker und dann mussten alle die Küche verlassen. Nur ich durfte bleiben und unter Omas Anleitung den Kartoffelsalat fertigstellen.
Ja, so war das!

Nun tut mir bitte einen Gefallen und erzählt die Sache mit dem Verehrer nicht weiter, ich habe es ihr versprochen!

© Regina Meier zu Verl 2017

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Über Regina (klatschmohnrot)

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12 Antworten zu Omas Kartoffelsalat (Reizwortgeschichte)

  1. Ich halte dicht – aber sowas von! :-))) – Also, ein Gottesdienst in dem von einem Lied mehr als 3 Strophen gesungen werden, den sollte man eigentlich meiden – lach!!! – Herrliche Geschichte und das Beste daran: DU kennst jetzt das Geheimnis um den Kartoffelsalat! – Ich liiieeebe Kartoffelsalat!
    LG Martina

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  2. Monika-Maria Ehliah schreibt:

    …. ich auch ….
    und ich habe das Kartoffel-Rezept-Geheimnis von meiner Mutter überhehmen dürfen ….
    Herrliche Geschichte – danke!
    Segen!
    M.M.

    Gefällt 1 Person

  3. E schreibt:

    Tolle Geschichte

    Gefällt 1 Person

  4. Christine R. schreibt:

    Liebe Regina,
    meine beiden Omas habe ich nie näher kennengelernt – leider. Die eine kannte ich nur von Fotos, und die andere habe ich als kleines Kind gesehen – da war ich vier oder fünf. Beide lebten im Osten – hinter der „Zonengrenze“.
    Aber meine Mutter machte tollen Kartoffelsalat – den habe ich geliebt. Ich weiß auch, WAS sie alles hineingetan hat. Aber mein Mann mag lieber den „Fränkischen“ Kartoffelsalat – der besteht aus Kartoffeln, Zwiebeln, Fleischbrühe und ein paar Gewürzen – und sonst nix. Kartoffelsalat eben … **seufz**
    Ergo: bei uns gibt’s gar keinen …
    Liebe Grüße
    Christine

    P.S.
    Natürlich verrate ich nichts von Omas Verehrer. Ich bin zwar entsetzlich neugierig – eine Petze bin ich aber nicht! **zwinker**

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  5. Astrid Berg schreibt:

    Wird nichts verraten! So ein geheimes Geheimnis darf man auf keinen Fall ausplaudern 😉 .
    Eine wunderschöne Geschichte, die ich nicht nur gerne gelesen habe, sondern die mich an die Zeiten erinnerte, in denen mir als Kind ältere Menschen auch Geschichten aus dem Leben erzählten. Noch heute lausche ich solchen Geschichten gerne.
    LG
    Astrid

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  6. lores märchenzauber schreibt:

    Natprlich halte ich dicht, so ein Geheimnis muss man doch für sich behalten (zwinkern)
    Meine große Schwester machte einen Kartoffelsalat zum Niederknien, ich habe es sie geschaffte ihn nachzumachen, obwohl sie ihn nciht geheim hielt. Dasist wohl magische Begabund dabei.(grinsen)
    LGLore

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  7. lores märchenzauber schreibt:

    Ausbesser : Natürlich und nie geschafft

    Liken

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