2. Dezember 2019

Hier beginnt nun also die Geschichte, die Oma Betty in den vergangenen Nächten geträumt hat und die sie für uns Enkelkinder aufgenommen hat, damit wir sie, an jedem Abend im Advent, ein Stückchen weiterhören können.

Vor langer Zeit, ich war damals selbst noch ein Kind, passierte im Advent etwas, das ich euch erzählen möchte. Damals gab es auch schon Adventskalender, aber sie waren ganz anders als heute. Wir Kinder hatte einen bunten Kalender, der mit 24 Türchen versehen war und an jedem Morgen durften wir ein Türchen öffnen und schauen, was sich dahinter verbarg. Das geschah abwechselnd und soweit ich mich erinnere, gab es niemals Streit darum, wer mit dem Öffnen an der Reihe war. Da ich die Älteste war, durfte ich beginnen. Es waren keine Geschenke drin, keine Schokolade oder irgendwelche anderen Dinge, sondern einfach nur bunte Bildchen. Jedes Bild hatte etwas mit Weihnachten zu tun und unsere Mutter erzählte uns zu dem jeweiligen Bild eine kleine Geschichte.

Die drei Glocken

Im ersten Türchen fanden wir eine kleine goldenen Glocke und hörten die Geschichte vom Glöckchen, das im Glockenturm einer kleinen Bergkapelle sein Zuhause gehabt hatte. Am Sonntag vor dem Gottesdienst ertönten immer die beiden großen Glocken und der Klang des kleinen Glöckchens ging darin unter, so dass niemand hören konnte, welch silberhelles Stimmchen die Kleine hatte. Trotzdem läutete sie voller Inbrunst, denn sie wusste, dass sie wie Lie-be klang, Lie-be, Lie-be, Lie-be. War das nicht das Wichtigste auf der Welt? Die Liebe!
„Spiel dich nicht so auf, Kleine, tönte die dicke Glocke, die alle anderen übertönte. Es ist der Glaube, der am wichtigsten ist. Ja, ja, der Glaube!“ Sie legte sich noch einmal so richtig ins Zeug und die Kinder, die vor der Kirche standen legten die Hände auf die Ohren, so laut war sie.
„Und was ist mit mir?“, fragte die dritte Glocke, die ein wenig kleiner war als die Dicke, aber immer noch laut genug, um die kleine Glocke zu übertönen. „Ich bin die Hoffnung und ohne die Hoffnung geht gar nichts!“
Es stimmt nicht, dachte die kleine Glocke, aber sie schwieg. Wusste sie doch genau, dass die Liebe, war sie als Glöckchen auch noch so klein, die Größte von allen war, was ihre Bedeutung betraf. Aber sie liebte ja ihre beiden Freunde und deshalb ließ sie diese gewähren.
Langsam klangen sie aus, die Gottesdienstbesucher waren alle in der Kirche, als die Hoffnungsglocke leise sagte: „Bald ist wieder Weihnachten, ich hoffe sehr, dass es friedlich sein wird, hier und überall auf der Welt!“
„Das möchte ich so gern glauben“, flüsterte die Glaubensglocke. „Aber denkt doch mal an die vielen traurigen Erlebnisse dieses Jahres. Da kann einem angst und bange werden, findet ihr nicht auch?“
Beinahe hätten die beiden anderen Glocken genickt, aber das durften sie nicht, weil sie erst am Ende der Sonntagsfeier wieder läuten durften.
„Vielleicht“, wisperte die kleine Glocke, „vielleicht sollten wir einmal alles anders machen, nicht mehr schweigen und uns fügen, sondern die Menschen darauf aufmerksam machen, wie wichtig Glaube, Liebe und Hoffnung sind. Was meint ihr?“
„Sie hat recht!“, meinte die Dicke und auch die Mittlere stimmte zu. „Ja, wir sollten nicht mehr schweigen. Kleine Glocke, fang du an und wir stimmen dann leise mit ein. Wie findest du das?“
So kam es, dass die kleine Glocke zunächst ganz allein ihr Lie-be, Lie-be, Lie-be erklingen ließ, ganz fein und leise klang das und die Menschen horchten auf. Und als die mittlere Glocke einstimmte, da staunten alle, die es hören konnten und das war weithin möglich. Schließlich setzte die große Glocke ein und man hörte das Geläute der drei weit über den Ort hinaus. Die Menschen blieben stehen und lauschten andächtig.
„Jetzt kann Weihnachten werden!“, sagte der alte Michel, der zum ersten Mal nach vielen Jahren ein Lächeln auf den Lippen hatte. „Glaube, Liebe und Hoffnung, diese drei“, flüsterte er und schaute glücklich in den Winterhimmel.

An dieser Stelle beendete Oma Betty die Glockengeschichte, sie schluckte und ich konnte hören, dass sie jeden Moment weinen würde. Ich kenne ja meine Oma, sie ist manchmal so ergriffen, selbst von ihren eigenen Geschichten, dass sie einfach weint. Seltsam, oder? Aber ihr müsstet sie dann mal erleben, wenn sie was Lustiges geschrieben hat. Dann lacht sie sich kaputt, das finde ich persönlich ja noch etwas besser, obwohl mir die Glockengeschichte schon ganz gut gefallen hat. Mal sehen, was als nächsten kommen wird.

Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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9 Antworten zu 2. Dezember 2019

  1. Pingback: 2. Dezember 2019 — Klatschmohnrot – von Tag zu Tag – romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

  2. Nati schreibt:

    Eine sehr schöne, berührende Geschichte.
    Dankeschön.
    LG, Nati

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  3. lifetellsstories schreibt:

    Liebe Regina,
    auch mir hat die Glockengeschichte sehr gut gefallen und ich musste beim Lesen ein bisschen schmunzeln. Ja, Glaube, Liebe, Hoffnung,- davon sollte unser Leben getragen sein. Obwohl in Deiner Geschichte die Liebe von dem kleinsten Glöckchen symbolisiert wird, ist für mich die Liebe die Größte unter den Dreien. Liebe zu Gott und den Menschen und zu sich selbst. So heißt es auch: LIebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Würden alle Menschen dies beherzigen, dann hätten wir eine friedvolle Welt.
    LG
    Astrid

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  4. Elke schreibt:

    Sehr schön, liebe Regina!!!

    Gefällt 1 Person

  5. Mari schreibt:

    Eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte – eignet sich zum Vorlesen unterm Baum ❤

    Gefällt 1 Person

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