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Posts Tagged ‘Gedanken übers Schreiben’

ein älterer Tagebucheintrag, aber immer noch aktuell, so als hätte ich ihn erst gestern geschrieben …

Alle Vorbereitungen sind getroffen. Vor mir steht eine Tasse duftenden Kaffees, Zigaretten sind ausreichend vorhanden und das Räucherstäbchen entfaltet bereits seinen zimtigen Geruch. War es Schiller, der den Geruch von fauligen Äpfeln brauchte, um schreiben zu können? Ich weiß es nicht genau, kann mich aber damit auch nicht aufhalten. Das Papier vor mir scheint mich anzuschauen. Es wünscht sich eine Geschichte, eine von denen, die mal wieder so eine richtige Befriedigung verschaffen. Wie lange hat das nicht mehr geklappt? Auch das weiß ich nicht mehr. Es ist müßig, darüber jetzt nachzudenken. Ich werde heute schreiben, ich habe es mir fest vorgenommen.
Eigentlich wäre es ja kein Problem, doch schon der Beginn bereitet mir Kopfzerbrechen. Wenn ich keinen guten Anfang habe, wird keine Geschichte fließen. Oft hapert es bereits beim Einstieg. Wie habe ich das früher gemacht, hatte ich zuerst die Einleitung im Kopf und entwickelte dann die Geschichte? Oder war es umgekehrt?
Meine Gedanken beißen sich fest, sie graben in alten Stories. Wahrscheinlich wird wieder nur der Trick mit meinem Lieblingsbuch helfen. Ich hole es, meditiere kurz und schlage dann eine beliebige Seite auf. Ich lese den ersten Abschnitt, der mir ins Auge springt.

Es ist ein Uhr nachts. Durch die leeren, schlecht beleuchteten Gassen von Nevers kämpft sich ein einsamer Mann gegen den Wind vorwärts. Der eigene Mantel umschlägt seine untersetzte Gestalt. Mit beiden Händen muss er den breiten, flachen Hut auf dem Kopf festhalten.
Hmm, damit kann ich nichts anfangen heute. Erstens ist es taghell draußen, wenn ich aber über die Nacht schreibe, muss es dunkel sein. Ich könnte trotzdem versuchen, diese vier Sätze zu nutzen. Möglicherweise verselbstständigt sich dann die Geschichte und ich komme erst einmal in einen Schreibfluss. Ich versuche es mit dem Gegenteilprinzip:

Es ist zehn Uhr am Morgen. Durch die Menschenmengen der kleinen Stadt schiebt sich eine Frau. Kein Lüftchen weht und immer wieder muss sie anhalten, um ihre Hose hochzuziehen, die um ihre Hüften schlottert.

So wird das nichts, kann es nichts werden. Was soll ich mit dieser mageren Frau machen, warum ist sie denn so dünn und was will sie in der Stadt? Warum schiebt sie sich durch die Menschenmengen, wenn es ihr nicht gut geht? Vielleicht ist sie krank und will einen Arzt aufsuchen. Ich versuche es noch einmal, neues Blatt – neues Glück.

Es ist zehn Uhr am Morgen. Eine kleine magere Gestalt schiebt sich durch die Menschenmengen der Kleinstadt. Immer wieder muss sie für einen Moment anhalten, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Kein Lüftchen weht. Ihre Kleidung schlottert um den ausgemergelten Körper. Sie hat seit Tagen nichts gegessen und…
Ich spüre ein Kneifen im Magen. Ich habe auch noch nichts gegessen. Ich denke an meine Oma, die immer gesagt hat: „Das Frühstück ist das Wichtigste. Leerer Bauch studiert nicht gern.“ Stimmt, ich muss meine Arbeit unterbrechen und etwas essen. Ich nehme mir vor, demnächst vorher daran zu denken, damit ich nicht aufhören muss, wenn ich gerade eine gute Idee habe. Hatte ich denn eine Idee? Vergessen!
Nach zwei Scheiben Toastbrot mit Erdbeermarmelade mache ich mich erneut ans Werk.
Der Anfang war ja schon ganz gut, sie ist jetzt auch nicht mehr hungrig. Also streiche ich den letzten Satz und denke nach.
Warum ist die Frau so dünn, ist sie vielleicht arm und kann sich keine Medikamente kaufen? Möglicherweise ist sie gar nicht versichert. Aber sie will doch gerade zum Arzt. Das scheidet also aus. Schließlich gibt es das heute ja nicht mehr, dass sich jemand nicht in ärztliche Behandlung begeben kann. Alle sind versichert, selbst wenn sie arbeitslos sind.
Mir fällt ein, dass auch ich im letzten Quartal nicht beim Arzt war, weil ich die Praxisgebühr sparen wollte. Mit dem bisschen Geld, das ich vom Staat bekomme, kann ich nicht einmal meine Miete zahlen. Wie gut, dass ich die Putzstelle bekommen habe, so ist wenigstens gewährleistet, dass immer Toastbrot und Erdbeermarmelade im Haus ist. Ab und zu schenkt mir der nette griechische Gemüsehändler um die Ecke ein paar Äpfel, die er nicht mehr verkaufen kann. Es geht immer irgendwie weiter…
Ich schweife schon wieder ab und muss mich zur Ordnung rufen. Wenn ich nicht bald eine brauchbare Story schreibe, werde ich die Nebenkostenabrechnung im Dezember nicht bezahlen können. Verflixt!
Ich könnte aus der dünnen ausgemergelten Frau eine Fünfzigjährige mit Übergewicht machen, dann wäre ich näher an mir selbst. Ich beginne also von vorn:

Es ist elf Uhr am Morgen. Eine Frau in den angeblich besten Jahren (oder gilt das nur für Männer?), sitzt an ihrem Schreibtisch und wischt sich die letzten Krumen des gerade verzehrten Toastbrots aus den Mundwinkeln. Sie macht sich Gedanken darüber, wie sie die nächste Rechnung bezahlen soll, denn sie ist arbeitslos und hat kaum Geld, um ihren monatlichen Verpflichtungen nachzukommen. Die Medikamente, die sie wegen ihres erhöhten Blutdrucks einnehmen muss, neigen sich dem Ende zu. Aber es ist erst August, im Oktober beginnt ein neues Quartal und wenn sie jetzt zum Arzt gehen würde, müsste sie in vier Wochen bereits wieder die Praxisgebühr zahlen. Dazu kommt noch der Eigenanteil für die Tabletten. Sie weiß nicht, wie sie das schaffen soll. Sie könnte Telefon und Internet abmelden, doch das ist ihr einziges Türchen zur Welt da draußen. Sie geht kaum aus, mag nicht einmal mehr spazieren gehen. Sie hat Angst, alte Bekannte zu treffen. Sie mag ihnen nichts vorspielen und betteln mag sie schon gar nicht.

„Das bin ich gar nicht!“, denke ich. Ich kämpfe doch und habe mir letzte Woche bewiesen, was alles noch möglich ist. Ich hatte mir zwar nicht vorgestellt, dass ich als Putzfrau oder Mädchen für alles meinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Trotzdem sind meine Sorgen um einiges kleiner geworden, denn in diesem Monat werde ich ganz gut über die Runden kommen.
Ich zerreiße das bereits Geschriebene und fange ganz neu an:

Es war einmal eine Frau, die ihr Leben in die Hand nahm. Sie hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und wenn sie abends in ihrem Bett lag, dann schmerzten ihre Arme und Beine von der ungewohnten Arbeit. Trotzdem ging es ihr recht gut, denn sie hatte noch ihre Träume und Geschichten. Eines Tages, an einem der letzten Tage des August, strahlte die Sonne schon am frühen Morgen in ihr Schlafzimmer. Sie sprang aus dem Bett, kochte sich eine Tasse Kaffee und schrieb eine Geschichte, die Geschichte ihres Lebens! Und da sie nicht gestorben ist, schreibt sie noch heute…

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