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Posts Tagged ‘alte Freunde’

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Am Sonntag durfte ich das 50-jährige Jubiläum meiner Konfirmation feiern. Es war ein schöner Tag, den ich mit einigen der damaligen Weggenossen verbracht habe. Ein wunderbarer Gottesdienst, dem sich viele Gespräche anschlossen, wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Besonders die Leute wiederzusehen, die man in diesen 50 Jahren niemals getroffen hat, hat mich gefreut. Es ist interesssant, wie viele Erinnerungen plötzlich erwachen, an die man gar nicht mehr gedacht hat. Eine tolle Erfahrung, ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben durfte.
Von Seiten der Kirche wurden wir praktisch den ganzen Tag mit Leckereien verwöhnt. Ich habe das sehr genossen!
Auch war ich erstaunt darüber, wie viele Leute mich kennen (oder in Erinnerung behalten haben), weil sie hier und da etwas von mir gelesen haben. Das tut gut und motiviert ungemein!

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Ein Wiedersehen nach vielen Jahren

 Morgen werde ich meine alte Freundin Silke treffen. Sehr lange habe ich sie nicht mehr gesehen und bin gespannt, ob sie sich verändert hat. Ich betrachte das Foto, das uns beide vor dem Brandenburger Tor zeigt. Damals habe ich sie bewundert, weil sie immer ein wenig anders als alle anderen war, bunt und etwas schrill. Das lag nicht nur an ihren feuerroten Haaren, vielleicht ein wenig. Sie fiel einfach auf, hatte ihren ganz eigenen Kleidungsstil. Kreativ wie sie war, schneiderte sie ihre Klamotten selbst und stricken konnte sie wie keine. Es entstanden unter ihren Stricknadeln die tollsten Kreationen, bewundernswert.

Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Ab und zu kam eine Karte, wenn sie gerade wieder auf einem ihrer Auslandstrips war. Ich habe mich jedes Mal drüber gefreut, aber ich war auch ein wenig neidisch, denn ich hatte mich für das Lebensmodell Familie entschieden. Es ist nicht so, dass ich nicht glücklich wäre. Drei wunderbare Kinder habe ich und einen tollen Mann. Aber mit unserem Familieneinkommen können wir keine weiten Sprünge machen. Meine Arbeit musste ich ja aufgeben damals, als ich mit unserer Jüngsten schwanger war und jetzt ist es gar nicht mehr so einfach, beruflich wieder einzusteigen. Jenseits der Fünfzig waren die Chancen gleich Null. Ich war zu lange zu Hause und müsste mich erstmal ganz schön wieder reinknien, um den Anschluss zu finden.

Silke hatte die Schule mit Leichtigkeit beendet, obwohl sie nicht viel dafür getan hat. Sie hatte gar keine Zeit zum Pauken. Ständig war sie mit ihren Leuten unterwegs und hat Party gemacht. Manchmal war ich auch dabei, aber nicht so oft. Ich hatte in einigen Fächern echte Probleme und musste stundenlang zu Hause lernen, um mein Abi zu schaffen. Na ja, was soll’s? Ich habe es geschafft und mein Numerus Clausus war fast so gut wie der von Silke. Danach fragt heute niemand mehr.

Silke ist nach dem Abi erstmal für ein Jahr nach Amerika gegangen. Ob sie später studiert hat, das weiß ich nicht und wenn ich es mir recht überlege, dann weiß ich nicht einmal, wie ihre Pläne waren und was sie einmal werden wollte. Für mich stand fest, dass ich Betriebswirtschaft studieren würde. Das habe ich auch gemacht, schließlich hatten meine Eltern eine Firma und die wollte ich übernehmen. Das war der Plan. Es ist aber leider nichts draus geworden, denn mein Herr Vater hatte andere Pläne. Er verliebte sich in eine junge Frau und zog von heute auf morgen bei uns aus. In „seinem“ Haus durften wir gnädiger Weise wohnen bleiben. Die Firma fuhr er jedoch vor die Wand. Seine junge Frau hatte wohl zu hohe Ansprüche. Es kam zu Privatentnahmen, dann zur Zahlungsunfähigkeit, schließlich mussten alle Mitarbeiter entlassen werden und meine Mutter und ich konnten sehen, dass wir unseren Lebensunterhalt verdienten. Meinen Vater habe ich seit dem Auszug nie wieder gesehen. Kein Anruf, kein Brief kam von ihm, nichts. Meine Eltern wurden in Abwesenheit meines Vaters geschieden.  Das Haus hat meine Mutter verkauft, vermutlich hat sie die Hälfte vom Gewinn noch an Vater zahlen müssen. Ich habe sie nie gefragt und sie hat mit mir niemals darüber gesprochen.

Meine Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben. Sie fehlt mir sehr, auch den Kindern. Sie war fünfundsiebzig und es wäre so schön gewesen, wenn sie noch bei uns geblieben wäre. Wo mein Vater abgeblieben ist, das weiß ich nicht und vielleicht will ich es auch gar nicht mehr wissen. Er hat uns im Stich gelassen. Das hätte ich ihm nur dann verzeihen können, wenn er sich wenigstens mal gemeldet hätte. Drei Enkelkinder hat er, vielleicht weiß er von ihnen gar nichts, möglicherweise ist es ihm ja egal. Ob er noch lebt? Hätte ich davon erfahren, wenn es nicht so ist?

Ich nehme meine Brille ab und putze verstohlen ein paar Tränen weg. So ganz egal scheint es mir ja doch nicht zu sein. Entschlossen stehe ich auf und räume unter lautem Geklapper den Geschirrspüler aus. Ein Wunder, dass dabei nichts zu Bruch geht.

Morgen werde ich sie also treffen, die Silke. Vielleicht sollte ich zum Frisör gehen. Ich wische den Gedanken fort und schimpfe laut mit mir: Wie armselig ist das denn? Du triffst deine alte Freundin und hast keinen anderen Gedanken, als dass deine Frisur sitzt? Mann, Mann, Gerlinde, du bist ganz schön oberflächlich geworden.

Ich sollte mich einfach freuen und unbefangen an das Treffen herangehen. Was sollte diese Gefühlsduselei eben denn nur? Dabei hat mich der Anruf so sehr gefreut. Sie hat mich also nicht vergessen. Das ist doch ein schönes Gefühl und Freunde können Jahre getrennt sein, das hält eine richtige Freundschaft aus. Man trifft sich und fängt einfach da wieder an, wo man vorher aufgehört hat. Ist doch so, oder?

Wir sind im Stadtcafé verabredet, das habe ich vorgeschlagen, weil bei uns zu Hause doch immer was los ist. Die Kinder sind da und meist auch noch irgendwelche Freunde. Da könnten wir gar nicht in Ruhe reden. Andererseits hätte ich ihr gern meinen Nachwuchs vorgestellt. Es sind ja keine Kinder mehr, die Jüngste ist mittlerweile auch schon achtzehn. Sie lässt sich nicht mehr vorzeigen. Und die Jungs, die interessieren sich momentan eher für ihre Freundinnen. Der Große redet sogar schon vom Heiraten. Das ist wohl der Lauf der Welt, alles wiederholt sich. Es ist ja auch richtig so, es geht immer weiter.

Ich sitze also im Stadtcafé und bin aufgeregt wie ein Schulmädchen. Ich rechne damit, dass Silke zu spät kommt. Dann öffnet sich die Tür, Silke betritt den Raum. Hinter ihr sehe ich einen älteren Herrn und traue meinen Augen nicht. Es ist mein Vater.

„Nun komm schon Schatz!“, sagte Silke zu ihm. Mein Herz schlägt, als wollte es zerspringen. „Nein!“, schreie ich ohne Ton. „Nein!“

Eine gnädige Ohnmacht nimmt mich in diesem Moment in ihren Armen auf.

 

© Regina Meier zu Verl 1/2016

 

 

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