10. Dezember 2019

10. Dezember

Fortsetzung 1 (Der Schatz im Schreibtisch)

„Sie sind in unseren Herzen, das ist das Wichtigste!“, hatte die Mutter am Abend gesagt, und das stimmte auch. Linda hatte das Gefühl, dass die beiden ganz nah waren, besonders der Großvater, mit dem sie so viel Zeit verbracht hatte. Wenn im Haus alles still war, dann glaubte sie sogar, seine Stimme hören zu können. Immer wieder las sie die kleinen Gedichte und Geschichten, die sie gemeinsam erdacht und aufgeschrieben hatten.
Großvater Josef hatte sie alle handschriftlich in einem Büchlein zusammengefasst und mit kleinen Zeichnungen ergänzt, um sie für Linda zu erhalten. Es lag stets griffbereit in der obersten Schublade des Schreibtisches, gleich neben der Geheimschublade, die immer verschlossen war. Was sich darin befand, wusste Linda nicht, auch hatte sie nie versucht, das Schubfach zu öffnen, denn es gab keinen Schlüssel und sie wollte den wertvollen Schreibtisch nicht beschädigen. Sicher wäre es dem Großvater auch nicht recht gewesen.
Andererseits hatte er ihr ja den Schreibtisch zugedacht und es hätte sein können, dass der Inhalt für sie, Linda, bestimmt war.
Auch an diesem Abend blätterte Linda wieder in dem Buch ihres Großvaters, las die Gedichte und fühlte sich zurückversetzt in die Kindheit. Sie erinnerte sich daran, dass sie in einem Jahr aus stabiler Goldfolie Engel ausgeschnitten hatten, die später den Weihnachtsbaum schmückten. Jeder Engel spielte ein Instrument. Es gab Geigen-, Flöten– und Harfenengel, singende und tanzende, lachende und ernste Figürchen, ein jedes für sich wunderbar. Im Licht der Kerzen bewegten sie sich und wenn man ganz genau hinhörte, dann konnte man ihrer Musik lauschen. Linda erinnerte sich sehr gut daran, als sie die Geschichte der vierundzwanzig musizierenden Engel las. Einer von ihnen hatte die Engelschar mit einem Streich ganz schön durcheinandergewirbelt. Beim Krippenspiel des Kindergartens hatte er sich einfach in die Krippe gelegt und Maria und Josef völlig aus dem Konzept gebracht. Nur diese beiden Kinder hatten ihn sehen können, deshalb konnte sich auch niemand erklären, warum die Kinder ihren Text plötzlich vergessen hatten. Bei der Generalprobe war doch alles noch so gut gelaufen. Natürlich nahm ihnen niemand ab, dass das Christkind höchstpersönlich in der Krippe gelegen hatte. Erwachsene glaubten nur, was sie sahen. Nicht einmal der Pastor hatte ihnen geglaubt. Die beiden Kinder, die Maria und Josef darstellten, hatten es aber wirklich gesehen, das Christkind, und es hatte sie sogar angelächelt.
Linda war es ganz warm ums Herz geworden, als sie auf der letzten Seite des Buches angekommen war. Unzählige Male hatte sie es gelesen und immer wieder war es wie ein Ausflug in die Kindheit gewesen. Zärtlich strich sie über die Seiten, und plötzlich fühlte sie eine Unebenheit auf der allerletzten Einbandseite.

Fortsetzung folgt morgen

Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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