Die Reise der Stare

Die Reise der Stare (Oma Betty)

Opa Heinz schiebt seinen Strohhut in den Nacken. Die Daumen klemmt er in die Gürtelschlaufen seiner Cordhose und dann schaut er in den Himmel.
Ich renne ins Haus, hole meinen Strohhut, den Oma Betty mir beim letzten Flohmarktbesuch spendiert hat, und mache es Opa nach.
Ich stelle mich neben ihn, blicke zum Himmel hinauf und warte ab.
„Guck!“, sagt Opa. Das ist das Zeichen dafür, dass er mit gleich eine Geschichte erzählen wird. All seine Geschichten fangen so an und ich liebe sie alle. Sehr sogar!
„Guck!“, sagt er noch einmal. „Da oben versammeln sich die Stare. Es werden nun jeden Tage ein paar mehr werden, bis sie sich auf die große Reise machen!“
Ich sehe ein paar schwarze Vögel am Himmel und frage mich, woher Opa das weiß.
„Wie kannst du das wissen?“, frage ich.
„Es ist immer gleich. Anfang September versammeln sie sich, das haben sie schon im Sommer eifrig geübt. Sicherlich machen sie eine Lagebesprechnung, bevor sie losfliegen!“, sagt Opa. Er zieht einen Daumen aus der Gürtelschlaufe und deutet mit der freigewordenen Hand nach oben. „Guck, da kommen noch welche!“
Tatsächlich! Immer mehr Stare kommen dazu und schon bald bildet sich eine dunkle, hin und her wabernde Wolke. Ich finde, das sieht beinahe ein wenig gespenstig aus.
„Haben sie einen Anführer?“, will ich nun wissen. Aber das weiß Opa auch nicht so genau.
„Das muss ich nachlesen, auf jeden Fall ist es nicht so wie bei den Wildgänsen, die haben eine Leitgans, die vorweg fliegt!“ erzählt er mir und gleich kommen mir auch die Kraniche in den Sinn, die am Himmel eine riesige Eins bilden, wenn sie auf die Reise gehen.
Am Abend lesen Opa und ich nach, wie das bei den Staren ist. Wir lernen, dass es keinen Leitstar gibt und dass die Vögel gut aufeinander achtgeben während ihres Fluges. Jeder einzelne orientiert sich an bis zu sieben seiner Nachbarn. Und irgendwie wissen sie, wohin sie müssen. Ist schon ein kleines Wunder, finde ich. Opa liest noch vor, dass die Stare gemeinsam in Baumkronen übernachten, bevor es am nächsten Tag weitergeht.
Ich würde auch gern mal auf einem Baum übernachten, am besten mit all meinen Freunden. Am Morgen würden wir dann auch zu einer großen Reise aufbrechen. Allerdings sollten wir besser ein Navi mitnehmen, denn so ortskundig wie die Stare sind wir nicht.

© Regina Meier zu Verl

Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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3 Antworten zu Die Reise der Stare

  1. o)~mm schreibt:

    Ja, es ist immer wieder erstaunlich, wie sie sich orientieren. manchmal schwatzen sie laut und munter durcheinander und plötzlich ist es mucksmäuschenstill, dann geht es wieder los. Ebenso in der Luft, ihre Formationen, so ebenmäßig und abgestimmt – bewundernswert, immer wieder!

    Schön geschrieben!

    ..grüßt dich Syntaxia

    Gefällt 1 Person

  2. wholelottarosie schreibt:

    So eine schöne, kleine Geschichte!
    Ich bin immer wieder begeistert, wie du das so wunderbar hinbekommst, liebe Regina.
    Sommersonnengrüße von Rosie

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