Oma Betty im Tanzfieber

Oma Betty im Tanzfieber

„Und eins, zwei drei, eins zwei drei!“, zählt Oma Betty, während ich wie ein kleines Äffchen an ihr hänge und versuche, mich zu der Musik zu bewegen. Oma ist nämlich im Tanzfieber, seit sie diese Sendung im Fernseher verfolgt. Da sie aber niemanden hat, den sie zum Tanzen überreden könnte, Opa ist nämlich völlig untalentiert, bin ich mal wieder dran.
„Oma, du schaffst mich!“, stöhne ich und wundere mich, wo diese alte Frau ihre Kondition hernimmt. „Können wir mal eine Pause machen?“
Ich löse mich aus ihrem festen Griff und lasse mich in den Sessel plumpsen. Oma lacht mich aus.
„Junge, du solltest Frühsport machen, so wie ich! Jeden Morgen hundert Kniebeugen, das tut gut und hält fit!“, meint Oma und macht die Musik leiser.
Ganz ehrlich, ich habe Oma Betty noch niemals Kniebeugen machen sehen. Das ist doch geflunkert, denke ich.
„Hundert Kniebeugen?“, frage ich. „Ist das nicht ungesund?“
Oma schüttelt den Kopf. „Keineswegs, soll ich es dir vormachen?“
„Nein, lass mal, ich glaube dir auch so!“, behaupte ich, weil ich fürchte, dass ich mitmachen muss.
„Dann tanzen wir aber noch eine Runde, okay? Weißt du, es ist gut, wenn ein Mann tanzen kann“, sagt sie und strahlt mich an. Ich strahle auch, denn es gefällt mir gut, als Mann bezeichnet zu werden, das weckt meinen Ehrgeiz ungemein.
„Also gut!“, ich rappele mich hoch, verbeuge mich vor Oma und sage: „Darf ich bitten?“
„Gern!“, sagt Oma und reicht mir die linke Hand, mit der rechten dreht sie den CD-Spieler wieder auf laut. Wir schwingen dreimal hin und her und dann tanzen wir den langsamen Walzer zu Omas krasser Musik. Geschmack hat sie, das muss ich sagen, denn genau wie Oma liebe ich Metallica. Oma Betty hat eine Aufnahme von „Nothing else matters“ Metallica mit Symphonieorchester, das rockt!
„Wie viele Musiker hat eigentlich so ein Orchester?“, frage ich Oma, als wir wieder eine kurze Verschnaufpause einlegen müssen.
„Das können bis zu hundert Musiker sein, wenn ich das richtig behalten habe!“, sagt Oma und plötzlich leuchten ihre Augen und ich weiß genau, was jetzt kommen wird.
„Schade, dass ich nun zu alt dafür bin, ich hätte auch so gern mal in einem großen Orchester mitgespielt!“, sagt sie und ich höre deutlich das Bedauern in ihrer Stimme.
„Aber Oma, du bist doch nicht alt. Du wirst sicher hundert Jahre alt werden, es bleibt also noch genügend Zeit, um sich Wünsche zu erfüllen, oder?“
Oma lacht, richtig fröhlich klingt das und gar nicht alt. „Du bist ein Schatz!“, behauptet sie und drückt mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. Ich lass ihr das heute mal durchgehen, ausnahmsweise.
„Sag mal Oma, heute haben wir es aber mit der Hundert, oder?“
Irritiert schaut sie mich an. „Was meinst du?“
„Na, hundert Kniebeugen, hundert Musiker im Orchester und dann dein hundertster Geburtstag irgendwann!“, zähle ich auf und Oma setzt der ganzen Zählerei noch die Krone auf:
„Und dieses ist die hundertste Geschichte für das Bonewie*!“, lacht sie und ich weiß, dass sie unserem Tanznachmittag nun gleich aufschreiben wird.
Meinetwegen – ich bin sicher, sie kriegt auch die Zweihundert noch voll!

© Regina Meier zu Verl

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  • Das Bonewie ist ein Lokalmagazin, in dem monatlich eine Geschichte von mir erscheint
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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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Eine Antwort zu Oma Betty im Tanzfieber

  1. Regula schreibt:

    Wunderbar! Liebe Grüsse zu dir. Regula

    Gefällt 1 Person

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