Die Wohnung in meinem Kopf

 

Die Wohnung in meinem Kopf

Manchmal herrscht in meinem Kopf die Unordnung. Hört sich komisch an, aber es ist wirklich so. Ich stelle mir das so vor: in meinem Kopf sind, wie in einem großen Haus, viele kleine Zimmer. Jedes hat seine Berechtigung und ist wichtig. In manchen Räumen liegt oder steht alles schön ordentlich an seinem Platz, in anderen herrscht das Chaos. Gern verlasse ich so ein Zimmer und wandere ins nächste. Doch die Tür bleibt geöffnet und immer, wenn ich daran vorbeikomme, werfe ich einen Blick hinein und so bleibt im nächsten Zimmer etwas liegen, das dann dort wieder für Unordnung sorgt.

Es ist so, als seien dann plötzlich alle Türen geöffnet und das raubt Energie. Verzweifelt versuche ich aufzuräumen, Türen zu schließen und stelle dann entsetzt fest, dass das gar nicht so einfach ist. Wie beim Computer: sind zu viele Fenster geöffnet, dann wird der PC langsamer und immer träger. So ist das bei mir wohl auch.

Am meisten nervt das Büro in meinem Kopf, das Zimmer mit dem Papierkram, der geordnet werden will. Das sollte mir eigentlich keine Sorgen machen, einmal richtig durchgreifen und sortieren sollte Besserung bringen – ist aber nicht so. Ich lasse mich ablenken, immer wieder.

Andere Zimmer müssten mal gründlich durchgeputzt werden. Dicke Staubschichten liegen auf den Regalen, die ich nicht berühren mag, um den Staub nicht aufzuwirbeln. Es könnte ja sein, dass darunter etwas zum Vorschein kommt, das mich aus der Bahn wirft. Verdrängen nennt man das wohl … also raus aus dem Raum und in den nächsten wandern. Die Tür bleibt geöffnet und die Gedanken kreisen. Das schlechte Gewissen macht Bauchschmerzen und da kommt dann auch schon das Sofa ins Spiel. Hinlegen und den Schmerz pflegen, das ist keine Lösung. Tausend Mal probiert, immer gescheitert.

In meinem Schreibzimmer geht es mir gut, aber nur dann, wenn ich die Tür hinter mir schließe und alles draußen lassen, was mich belastet. Ich schlüpfe in eine Rolle und bin eine Weile frei von Chaos und Unordnung – bis die Geschichte geschrieben ist oder ich keine Zeit mehr habe. Im Schreibzimmer gibt es keine Uhr, aber es ist nicht schalldicht. Es dringen Geräusche zu mir durch, die Türklingel, das Telefon, das Hundegebell, das einen Besucher ankündigt, oder den Postboten, den Schornsteinfeger oder wen auch immer. Noch schaffe ich es nicht, das alles zu ignorieren. Aber mit zunehmendem Alter gelingt es besser. Das mag daran liegen, dass ich nicht mehr so gut höre wie früher. Das Altwerden hat auch seine Vorteile, aber das ist ja schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Toll ist es auf dem Dachboden in meinem Kopf, da liegen die Erinnerungen. Manche verstecken sich in alten Schachteln, andere in Dingen, die ich aufbewahrt habe, damit ich mich erinnere, beispielsweise an meine Großeltern, meinen Vater, Menschen, die nicht mehr da sind. Sie haben eigene Gästezimmer, ein jedes ist liebevoll eingerichtet.

Oft halte ich mich dort stundenlang auf und dann bin ich froh, dass ich sie habe, diese Erinnerungen an meine Lieben. Gestärkt steige ich dann die Treppe hinunter, räume unterwegs ein wenig auf und komme wieder an in meinem Wohnzimmer, das einladend ist trotz der Unordnung, die mich aber nicht belastet. Da steht ein Trecker unter dem Tisch, den Lukas da vergessen hat. Die Kissen liegen teils auf, teils hinter dem Sofa und zeugen von der letzten Kissenschlacht. Ein Glas vom Vorabend steht auf dem Tisch, in dem ein guter Tropfen Wein den Tag abgerundet hat und unter der Sofadecke ist die Wärme, die ich brauche, um wieder in eine Rolle zu schlüpfen, um eine neue Geschichte zu ersinnen. Gedanklich schließe ich all die Türen, mache die Augen zu und träume.

 

Ach, wie gut es mir doch geht heute. Für Ordnung werde ich schon noch sorgen, irgendwann.

© Regina Meier zu Verl

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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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2 Antworten zu Die Wohnung in meinem Kopf

  1. lifetellsstories schreibt:

    Liebe Regina,
    ich habe die Geschichte mit einem Schmunzeln im Gesicht gelesen, denn irgendwie hatte ich das Gefühl Du beschreibst das „Haus“ in meinem Kopf. Es herrscht schon manchmal ein gewaltiges Durcheinander, aber dieses Chaos kann sich auch wieder zu einer Ordnung zusammenfügen. Nämlich dann, wenn man aus bestimmten Zimmern ein bisschen was mitnimmt und im Schreibzimmer daraus eine schöne Geschichte entstehen lässt. Hinterher kann man dieses Etwas getrost verräumen. Aber manche Sachen, wie zum Beispiel der ganze Bürokram stört schon gewaltig und er drängt sich immer wieder vor. Vielleicht sollte man einen Riegel vor diese Türen hängen, aber irgendwie gelingt mir dies nicht, jedenfalls nicht immer.
    Der Dachboden ist eine wahre Schatzkammer. Alles was dort verstaut ist, gibt Kraft und Energie und lässt das Durcheinander nicht mehr ganz so chaotisch erscheinen.
    Aber mal ehrlich, wäre es nicht langweilig, wenn in unserem Kopf alles fein säuberlich sortiert und bereits fix und fertig wäre?!
    Ich freue mich, dass bei Dir dieses Chaos herrscht (und das ist keine Schadenfreude), denn sonst wäre nicht diese zauberhafte Geschichte entstanden.
    Liebe Abendgrüße
    Astrid

  2. Liebe Astrid,
    herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich freue mich sehr über deine Worte und auch darüber, dass auch in deinem Kopf so allerlei zu finden ist, das mich erfreut, wenn du es in Geschichten oder Gedichte verpackst. Behalten wir also unseren Dachboden und schauen, was sie da noch so alles finden wird.
    Ganz liebe Grüße zu dir
    Regina

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