Oma Betty, der Ausflug und Frau Weidewe

Oma Betty, der Ausflug und Frau Weidewe

Manchmal macht Oma Betty mit uns Enkelkindern einen Ausflug. Mila und ich thronen dann hinten in unseren Kindersitzen und vorn sitzt Oma Betty am Steuer. Frau Weißdenweg hat neuerdings ihren Platz auf dem Armaturenbrett.
Eigentlich war Oma der Ansicht, dass sie so ein Ding nicht braucht und da ihr der Name „Navi“ nicht so gefällt, hat sie es eben umgetauft. Die Stimme ist weiblich, also Frau Weißdenweg oder kurz Weidewe
Papa hat zum Geburtstag ein neues Navi bekommen und er hat Oma Betty sein altes geschenkt.
„Also gut!“, hat Oma gesagt. „Ich kenne den Weg zwar immer, aber wer weiß, wofür es gut ist!“ Man muss dazu sagen, dass Oma selten fremde Strecken fährt und auf ihren gewohnten Wegen weiß sie Bescheid.

Letzte Woche wollten wir zum Tierpark fahren.
„Da waren wir lange nicht!“, hat Oma gesagt und sich die Strecke dorthin schnell nochmal auf der Karte angesehen.
„Mutter, du hast doch das Navi!“, meinte Papa und er half ihr, die Adresse des Tierparks einzugeben.
„Jetzt kannst du dich einfach leiten lassen. Du wirst sehen, das funktioniert ganz wunderbar!“, sagte er noch. Man sollte meinen, dass er seine Mutter besser kennt. Auf jeden Fall besser und länger als ich und ich hatte so meine Zweifel, ob Oma tatsächlich auf Frau Weidewe hören würde.
Es ging schon beim Verlassen des Hofes los.
„Biegen Sie rechts ab!“, sagte Frau Weidewe.
„Nee, das ist ein Umweg!“, antwortete Oma Betty und fuhr nach links.
„Wenn möglich, bitte wenden!“, sagte das Navi, gleichbleibend freundlich.
„Mach ich nicht!“, schimpfte Oma. Die Dame im Navi fügte sich, denn eine Weile sagte sie gar nichts mehr.
„Gleich müssen wir rechts!“, erklärte uns Oma. Frau Weidewe wusste das auch.
„Biegen Sie nach zweihundert Metern rechts ab!“
„Sag ich doch!“, rief Oma begeistert.
„Folgen Sie dem Straßenverlauf etwa drei Kilometer!“, war die nächste Anweisung.
„Und woher soll ich wissen, wann die drei Kilometer erreicht sind?“, fragte Oma, bekam aber keine Antwort.
„Sind wir bald da?“, jammerte Mila. Ich suchte ein Bilderbuch aus meinem Rucksack, damit sie sich beschäftigen konnte und erklärte ihr, dass sie schön still sein müsse, damit Oma sich konzentrieren kann.
„So langsam könnte die mal wieder was sagen!“, meinte Oma. „Die drei Kilometer sind bestimmt schon erreicht!“
„Haste auf den Tacho geguckt?“, wollte ich wissen.
„Ich kann meine Augen ja nicht überall haben, schließlich muss ich …“, Oma brach den Satz ab, denn Frau Weidewe meldete sich zu Wort.
„Biegen Sie nach 200 Metern links ab!“, ordnete sie an.
„Links?“, schrie Oma. „Die spinnt doch!“
Ich hatte es doch geahnt, dass die Sache mit dem Navi keine so gute Idee war. Ich verhielt mich aber vorsichtshalber still. Mila quengelte schon wieder.
„Oma, ich muss mal!“, jammerte sie.
Natürlich war Oma geradeaus weitergefahren und nun kannte sie sich gar nicht mehr aus. Also setzte sie den Blinker und fuhr rechts ran.
„Wenn möglich, bitte wenden!“, sagte Frau Weidewe.
„Du kannst mich mal!“, rief Oma verärgert. Das hätte ich mal sagen sollen, das hätte ein Donnerwetter gegeben.
Oma stieg aus, befreite Mila aus ihrem Kindersitz und verschwand mit ihr hinter einem kleinen Busch. Sichtlich erleichtert kamen die beiden zurück, dann ging es weiter.
„Vielleicht solltest du doch zurückfahren und in die Straße einbiegen, die Frau Weidewe wollte!“, schlug ich vor.
„Ich schalte das Ding jetzt aus, bis jetzt bin ich immer noch überall angekommen, auch ohne diesen blöden Kasten!“, schimpfte Oma.
Irgendwann haben wir den Tierpark dann auch wirklich gefunden, nachdem wir in der Bäckerei nachgefragt hatten, wo wir Kinder ein Croissant bekamen. Als nächstes fuhr Oma an die Tankstelle und erkundigte sich nach dem Weg. Dort kaufte sie uns eine Limo und dann endlich erreichten wir den Tierpark. Ein bisschen komisch kam es uns vor, dass nicht ein einziges Auto auf dem Parkplatz stand, der normalerweise immer gut gefüllt ist.
„Wahrscheinlich haben die alle ein Navi und irren noch in der Gegend rum!“, meinte Oma. Leider war das aber nicht so, der Park hatte geschlossen. ‚Montags Ruhetag‘ stand auf dem Schild am Eingang.
„Mist!“, sagte Oma.
„Das war nun schon der zweite Fluch!“, bemerkte ich und Oma schlug erschrocken die Hand vor den Mund.
„Okay, dann hast du jetzt zwei gut!“, schlug sie vor.
„Kann ich die in Eis eintauschen, eins für Mila und eins für mich?“ Ich kicherte, als sie zustimmte. Ich habe meine Oma fest im Griff. Das Eis war übrigens lecker, superlecker!

© Regina Meier zu Verl

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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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6 Antworten zu Oma Betty, der Ausflug und Frau Weidewe

  1. lores märchenzauber schreibt:

    Ja, die verflixte Technik, wie gut kann ich Oma Betty verstehen. Ich habe zwar kein Navy, als Frau ohne Führerschein, aber mich brachte schon mal die automatischen Stimme am Telfeon zur Verzweiflung, als diese mir zum vierten Mal erklärte , ich habe sie nicht verstanden, warf ich ihr das berühmte Zitat aus Götz von Berlichinen an den Kopf.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochende. Lore

  2. Claudia schreibt:

    Liebe Regina,
    danke für diese wieder sehr gelungene Geschichte!
    Ich wünsche Dir ein wunderschönes und sonniges Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

  3. lifetellsstories schreibt:

    Ja, Frau Weidewe kenne ich auch und mein Mann hat immer seine kleinen oder großen Streitereien mit dieser Dame. Mal hat er recht und mal sie. Auf jeden Fall sind diese Diskussionen sehr unterhaltsam. Zumindest für den Beifahrer.
    LG
    Astrid

    • Liebe Astrid,
      das ist tatsächlich so eine Sache mit den Navis, ich diskutiere auch immer mit ihnen, trotzdem sind sie ja ganz nützlich, wenn man sich irgendwo nicht auskennt – in diesem Fall gebe ich dann auch keine Widerworte!
      Liebe Grüße
      Regina

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