Oma Betty, der Star und der Wasserfall

„Was war das noch für ein Vogel, den sie dir aus dem Auge operiert haben?“, fragt Mila ihre Oma Betty. Die lacht laut auf.
„Milakind, das war ein grauer Star!“
„Und was ist daran so lustig?“ Mila zieht eine Schüppe, sie mag nicht ausgelacht werden.
„Eigentlich ist das nicht lustig!“, gibt Oma zu. „Weißt du, Mila, es ist der Name für eine Augenkrankheit. Fast alle Menschen bekommen die, wenn sie älter werden. Es ist auch nichts Schlimmes! Aber es ist auch der Name für einen Vogel.“
„Aber wenn das nicht schlimm ist, warum weinst du dann dauernd?“, will Mila wissen.
„Ich weine ja gar nicht, mein Auge ist gereizt, deshalb tränt es. Das wird aber bald wieder besser werden, denn der Augenarzt hat mir Tropfen verordnet.“ Oma Betty zeigt Mila das kleine Fläschchen.
„Ich hatte auch keinen Vogel im Auge, Star ist die Bezeichnung für eine Linsentrübung. Der Fachbegriff dafür lautet ‚Katarakt‘ und das bedeutet übersetzt ‚Wasserfall‘!“, erklärt Oma.
„Wieso Wasserfall? Und was ist mit den Linsen? Solche Linsen wie in der Suppe, die ich so gern mag?“ Oma Betty lacht schon wieder.
„Da bringst du mich auf eine Idee, wir kochen heute Linsensuppe und während ich die Kartoffeln schäle, erkläre ich dir, was es mit den Linsen und dem Wasserfall auf sich hat, okay?“
Damit ist Mila einverstanden, schon die Aussicht auf Oma Bettys Linseneintopf macht gute Laune. Oma ist die beste Linsensuppenköchin der Welt.
„Also dann, zuerst der Wasserfall. Du hast doch schon einmal einen Wasserfall gesehen, stimmt’s?“
„Ja, aber nicht in echt. In meinem Sachgeschichtenbuch ist aber einer drin!“ Mila springt auf und holt das Buch aus dem Wohnzimmer. Dort hat Oma für die Enkel ein Extraregal eingerichtet, nur mit Kinderbüchern.
„Hier ist er!“, Mila zeigt auf ein Bild mit einem herrlich schäumenden Wasserfall.
„Wenn du dir nun vorstellst, dass du hinter dem Wasserfall ständest, also direkt dahinter …“, sagt Oma.
„Dann würde ich pitschnass werden!“, ruft Mila begeistert. „Das wäre ein Spaß!“
„Ja, das auch! Aber was würdest du sehen? Könntest du durch das schäumende Wasser hindurchsehen?“
Mila schüttelt den Kopf. „Nein, das wäre sicher nicht möglich!“
„Gut erkannt. Genauso ist das bei den Augen, wie ein Wasserfall schiebt sich der graue Star vor die Linse, ganz langsam, praktisch in Zeitlupe. Und irgendwann ist die Sicht dann so trüb, dass man nur noch milchige Bilder sieht. Dann muss man operiert werden.“, erklärt Oma Betty.
So ganz richtig hat Mila das noch nicht verstanden, doch nachdem sie noch einmal nachfragt, wird ihr klar, was Oma meint.
„Das ist ziemlich blöd, nicht wahr, Oma?“
„Zuerst merkt man es gar nicht, aber im Laufe der Jahre wird es immer deutlicher, dass da was nicht in Ordnung ist. Wenn man dann die neue Linse bekommen hat, sieht man wieder klar, ohne Wasserfall!“

„Super!“, findet Mila das. „Und weil meine Augenlinsen prima sehen können, helfe ich dir jetzt beim Kartoffelschälen, okay?“

© Regina Meier zu Verl

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Über Regina (klatschmohnrot)

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3 Antworten zu Oma Betty, der Star und der Wasserfall

  1. Claudia schreibt:

    Liebe Regina,
    da ist Dir wieder eine sehr schöne Geschichte aus der Feder gekommen :O)
    Ich wünsche Dir einen schönen Tag und ebenso einen guten Start in ein sonniges Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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  2. E schreibt:

    Liebe Regina,
    jeder von uns bräuchte eine Oma Betty.

    Gefällt 1 Person

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