Das gelbe Perlonkleid

2017-11-20 14.01.05

Das ist es nicht, das Perlonkleid, aber immerhin bin ich hier noch sauber.

Das gelbe Perlonkleid

Gerade habe ich mir alte Fotos angeschaut, Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die mein Vater mit seiner Vogtländerkamera geschossen hat. Damals hat er sich im Badezimmer eine Dunkelkammer eingerichtet und alle Bilder selbst entwickelt.
Wir Kinder sollten an solchen Fotolabortagen entweder gleich ins Bett gehen, weil unser Zimmer direkt hinter dem Bad lag, oder wir „mussten“ aufbleiben, bis Papa fertig war. Dieses Opfer haben wir nur allzu gern gebracht und unsere Mutter spielte mit.
„Ihr Armen, wie gern würdet ihr ins Bett gehen und leider dürft ihr nicht!“, pflegte sie zu sagen und wir nickten mit ernsten Gesichtern.
„Könnte ja sein, dass wir aufs Klo müssen und dann wären die ganzen Bilder verdorben“, erklärte ich meinen jüngeren Geschwistern. Das Klo befand sich nämlich nicht im Bad sondern außerhalb der Wohnung. Wir teilten es mit den Strothmännern, einer Familie, die auf der gleichen Etage wohnte wie wir. Irgendwie waren wir alle eine große Familie, denn mit den Strothmännern teilten wir nicht nur die Toilette, sondern auch die Badewanne. Samstags, am Badetag, war bei uns Hochbetrieb. Zuerst badete Familie Strothmann, einer nach dem anderen. Danach waren wir an der Reihe, immer nach dem Motto: Der Sauberste zuerst. Ich war leider ganz selten in der glücklichen Lage, als erste in die Wanne zu dürfen. Meine Schwester war einfach immer sauberer als ich und mein Bruder fing erst später an, sich schmutzig zu machen, da hatte ich die Spielphase im schwarzen Sennesand längst überwunden und schmückte mich mit gelben Perlonkleidchen.

Immer wieder schaue ich mir das Bild an, ich weiß noch genau, wie dieses Kleid aussah und wie es sich anfühlte. Das Muster war eingewebt und lag auf der Stoffoberfläche. Ja sogar den Geruch des zarten Kleidchens habe ich noch in der Nase, denn meine Mutter bügelte es nach der Wäsche immer mit einem nassen Tuch, das in Lavendelwasser getaucht war. Himmlisch!
„Kind, ich bitte dich, mach dich nicht so schmutzig“, sagte sie mit inbrünstiger Stimme, wenn ich es trug. Dabei war ich weit davon entfernt, mich in diesem Prinzessinnenkleid in den Wald oder Sandkasten zu begeben. Im Gegenteil, wie ein Mannequin spazierte ich auf der Straße entlang und blieb alle Nasen lang stehen, um mit Spucke meine Lackschuhe wieder auf Hochglanz zu bringen. Unsere Straße war eigentlich ein Weg, ein Sandweg und man kann sich vorstellen, dass schwarze Lackschuhe gerade mal drei Schritte lang glänzend blieben und dann von einem grauen Schleier überzogen wurden. Vom Abwischen wurden die Hände ziemlich schwarz und gleich danach auch das Gesicht, denn auf dem Land setzten einem die Fliegen doch ganz schön zu, manchmal wollten sie bis in die Nasenlöcher krabbeln und dann musste man sie schnell verscheuchen.

Wenn ein Nachbar sich auf der Straße sehen ließ, fasste ich das Kleidchen am Saum und hob es ein wenig an. Das hatte ich mal bei einer Schauspielerin gesehen und fand das einfach wunderbar. Anschließend wurde dann der bauschige Rock mit den Händen wieder geglättet.
Ich erinnere mich noch gut an den zornigen Blick meiner Mutter, wenn ich nach einem derartigen Ausflug wieder zu Hause ankam. Dann wurde ich ganz still und die Tränen zeichneten Straßen auf meine schmutzigen Wangen.
So richtig doll geschimpft hat meine Mutter aber nicht, das gute Kleid kam wieder in die Wäsche und schon am nächsten Tag duftete es wieder nach Lavendel. Ich war ein glückliches Kind, ja, das war ich.

© Regina Meier zu Verl

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Über Regina (klatschmohnrot)

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6 Antworten zu Das gelbe Perlonkleid

  1. wholelottarosie schreibt:

    Wie niiiedlich.
    Eine süße Geschichte von einem entzückenden kleinen Mädchen, dass ganz bestimmt innig von der mama geliebt wurde. Denn ein gelbes Perlonkleidchen, ja, das war damals schon etwas ganz Besonderes.
    LG von Rosie

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Danke schön, liebe Rosie,
      ich muss doch mal nach einem Foto mit dem Perlonkleid suchen und dann stelle ich es hier dazu. Nie werde ich vergessen, wie stolz ich war!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. seelenkarussell schreibt:

    schön wenn man das sagen kann. Eine behütete Kindheit ist einfach Gold wert.
    Alles Liebe zu Dir
    Gabi

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  3. lores märchenzauber schreibt:

    Was für eine schöne Erinnerung und auf dem Bild siehst du ja sehr brav aus. (schmunzeln ) LGLore

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  4. lifetellsstories schreibt:

    Das war jetzt eine niedliche Erinnerungsgeschichte. Ich habe nicht nur Dich, sondern auch mich im Sonntagskleid gesehen. Ja, man hatte tatsächlich Sonntagskleider. Da sie nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Gelegenheiten getragen wurden, waren sie nach dem Herauswachsen noch wie neu.
    Die Badewanne und auch das Badewasser musste ich mit niemand teilen. Als Einzelkind hat man da schon gewisse Vorzüge 😉 .
    Ich habe in meiner Jugend auch Fotos selbst entwickelt. Meine Dunkelkammer war unten im Keller im Heizungsraum. Da war ich ungestört, sagte aber trotzdem immer Bescheid, damit meine Eltern nicht doch mal unverhofft die Tür öffneten. Das hätte den Entwicklungsprozess der Fotos zunichte gemacht.
    LG
    Astrid

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  5. angelface schreibt:

    wenn man so in seine alten Erinnerungen geht tauchen solche Bilder auf, das Perlonkleidchen …(gibt es Perlon überhaupt heute noch oder ist es völlig ausgestorben?)..deine geschichte des zurückdenkens lässt bei mir sofort den Gedanken wach werden – ach, das weiß ich gar nicht mehr, bei mir ist da – keine Ahnung warum – ein leeres schwarzes Loch. Umso lieber hab ich deshalb deine entzückende geschichte die von an und für sich glücklicher Kindheit (wenn auch mit Entbehrungen bestückt) so doch in einer kleinen heilen Welt aufleuchten…
    schöne Bilder , ich seh dich mit deinem Perlonkleidchen und mit schmützigem Näschen die Straße entlang ziehen und das Röckchen lüpften!
    liebe Grüße angelface..
    (Du hast eine Frage mit dem Kontaktformular von mir…)

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