Zeit für Märchen (Maria)

(Ich denke noch oft an Maria)2017-09-02 19.10.25

„Seit du zu mir kommst, tun es meine Blumen viel besser. Haste das schon gemerkt?“ Maria deutete auf die breite Fensterbank, die allerlei Zimmerpflanzen beherbergte. Ein seliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
„Aber ich mach doch gar nichts weiter, ich gieße sie nur und ab und zu bekommen sie ein Schlückchen Dünger!“, wehrte ich ab. Das war ja nun wirklich kein Ding.
„So einfach ist das nicht!“, behauptete Maria. „Das machen andere auch und trotzdem gehen die Blumen jämmerlich ein. Ich habe gar keinen grünen Daumen!“
Ich betrachtete meine Daumen und hielt sie Maria hin. „Ich auch nicht, guck!“
Maria lachte. Oh ich liebte es, wenn sie lachte. So richtig mit Ton, meine ich. Sie gluckste so niedlich und meist dauerte es nicht lange und sie musste ihre Tränen wegwischen. Tränen lachen, sagt man wohl.
„Jetzt aber mal Spaß beiseite und Ernst inne Mitte“, sagte Maria und das reizte mich schon wieder zum Lachen. „Okay“, keuchte ich. „Ernst inne Mitte!“
„Also pass auf, das ist nämlich so: wenn einer kein guter Mensch ist, dann verrecken die Blumen, ja, so ist das!“ Sie nickte bekräftigend mit dem Kopf und wurde ganz ernst.
„Das kann ja nicht sein, du bist ein guter Mensch, Maria. Das weiß ich zufällig ganz genau!“
„Meinste?“
„Ja, meine ich!“
Schweigen. „Danke“, flüsterte sie dann. Und plötzlich war der kleine Schalk wieder da, der ihr so oft im Nacken saß. Sie grinste, hob verschmitzt die Schultern an, setzte ihren Rehaugendackelblick auf und sagte: „Und weil wir beide so gute Menschen sind, machen wir es uns jetzt gemütlich und du liest mir etwas vor!“ Punkt. Wer könnte da widersprechen?
„Was möchtest du hören?“, fragte ich und trat ans Bücherregal.
„Lies mir das Märchen von dem gerechten Vadder vor, du weißt schon, der mit der Öllampe und dem Tod!“

Mittlerweile kannte ich das Märchen gut und konnte es sogar in Plattdeutsch erzählen, so oft hatte ich es Maria schon vorgelesen. Kurz in eigenen Worten: Es geht um einen, der sich einen Vater suchen will und der soll gerecht sein. Als er unterwegs ist, begegnet dem Herrgott. Den will er aber nicht als Vater. Er sei nicht gerecht, dem einen gibt er viel und andere müssen darben. Er wandert weiter und trifft den Tod. Der soll sein Vater sein, weil er gerecht ist und zu jedem kommt, ob arm oder reich, jung oder alt. Der Tod erklärt ihm, dass das mit dem Leben so sei wie mit einer Öllampe, der eine hätte noch viel Öl zur Verfügung, der andere nur wenig, bei einem sei sie schnell verloschen, ein anderer müsse sich noch ein wenig quälen, bis das Licht erlischt. Nun möchte er wissen, wieviel Öl noch auf seiner Lampe war. Ach, sagte der Tod, da ist noch allerhand drauf. „Kannst du nicht noch ein Schlückchen nachgießen?“ wurde er gefragt. „Das würde ich gern tun, aber das ist nicht gerecht!“, antwortete der Tod.

„Is ja so!“, sagte Maria dann jedes Mal, wenn das Märchen zu Ende war.
„Ja, is so!“, sagte ich und dann legte ich das Buch zur Seite. „Nächstes Mal lese ich aber ein anderes Märchen!“, schlug ich stets vor. Aber dazu ist es nur selten gekommen. In unserer Märchenhitparade stand „Der gerechte Vadder“ einfach auf Platz Eins.

© Regina Meier zu Verl

(Diese Märchen gibt es auch als Tonaufnahme von mir, leider kann ich das hier nicht einstellen)

Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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5 Antworten zu Zeit für Märchen (Maria)

  1. seelenkarusell schreibt:

    Tja, jeder hat seine Lueblingsgeschichte und vielleicht liest du sie auch besonders schön vor.☺☺

    Gefällt 1 Person

    • Danke schön, ich weiß nicht, ob ich das so gut kann, aber Maria war begeistert davon, sogar von meinen Plattdeutschkenntnissen, dabei habe ich das nie gelernt. Aber es macht mir Freude!
      Herzliche Grüße
      Regina

      Gefällt 1 Person

      • seelenkarusell schreibt:

        Ich hab auch eine Freundin, die kommt jedes Jahr über Neujahr zu mir in den hohen Norden. Wir mümmeln uns dann in Decken ein, und sie liest mir Frankfurter Weihnachtsgeschichten vor. Das ist so ein heimeliges Gefühl! Ich wollt es nicht missen.
        Liebe Grüße zu Dir
        Gabi

        Gefällt 1 Person

  2. E schreibt:

    Lebt Maria noch, wenn je genieße die Zeit mit Ihr, wenn nicht, gedenke Ihr und fühle dich vom Schicksal bevorzugt Sie gekannt zu haben. Umgekehr gilt oder galt das gleiche für Maria.
    Gruß Elke

    Gefällt 1 Person

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