9.11.2016

Es geht weiter mit Claras Geschichte, heute mal wieder ein etwas längerer Text. Mir macht es Spaß, das Kind zu begleiten und zu erfahren, was für Aufgaben auf sie warten. Schreiben ist eine sehr spannende Angelegenheit.

Teil 9

  1. Kapitel

Hermann hatte viele Stunden gearbeitet, alle Schlösser noch einmal kontrolliert und geölt. Er hatte die kleinen Schlüssel mit Nummern beschriftet und eine Liste angelegt. Dass Clara noch gar nicht lesen konnte, war ihm dabei gar nicht in den Sinn gekommen. Hilda schüttelte verständnislos mit dem Kopf und wies ihn darauf hin.

„Die Kleine ist ja noch nicht einmal fünf Jahre alt, sie war noch in keiner Schule und kann gar nicht lesen, Hermann.“

„Dann bringen wir es ihr eben bei, liebe Hilda, mach doch nicht immer aus jeder Mücke einen Elefanten. Schließlich sind wir ja für das Kind da. Es ist nicht allein!“

„Stimmt auch wieder“, beruhigte sich Hilda sofort wieder. Sie war einfach nur so aufgeregt, denn Hermann und sie hatten sich so lange ein Kind gewünscht und jetzt würde ihr Wunsch endlich wahr werden. Sie freute sich so sehr auf die kleine Clara, dass sie schon gar nicht mehr vernünftig denken konnte. Sie war zwar nicht ihr eigenes Kind, aber sie wurde ihr anvertraut und das war ja fast so.

Am Morgen war sie im Wald gewesen und hatte Eicheln gesammelt, die sie als Grundlage für einen leckeren Eichelkaffee benötigte. Nur die schönsten braunen Eicheln hatte sie mitgenommen und jetzt war sie dabei, die Eichenfrüchte von der Schale zu befreien, die braunen Häutchen abzulösen, damit sie sie später hacken und rösten konnte. Eichelkaffee war so lecker, den würde Clara sicher auch mögen. Hilda lief schon jetzt das Wasser im Mund zusammen. Dann kamen ihr doch Zweifel, ob Clara Kaffee mögen würde. Ach, es war gar nicht so einfach. Die Menschen tranken anderen Kaffee, aber es gab schon noch einige, die das alte Rezept kannten, das entwickelt wurde, als man in Not war und keinen „richtigen“ Kaffee zur Verfügung hatte.

„Was macht dein Kaffee?“, fragte Hermann jetzt, der gern schon einmal einen kleinen Schuck gekostet hätte.

„Es dauert noch, aber den Kuchen darfst du versuchen und mir sagen, ob er gelungen ist!“, bot Hilda ihm an und schnitt ein kleines Stück vom Haselnusskuchen für ihren Hermann ab.

„Du bist die weltbeste Kuchenbäckerin, liebe Hilda“, lobte er sie und wollte gleich noch ein zweites Stück abschneiden. Hilda stemmte die Hände in die Hüften und schimpfte wie ein Rohrspatz.

„Du alter Nimmersatt, sofort raus aus meiner Küche, sonst bleibt nichts mehr für die anderen!“

Beleidigt zog sich Hermann zurück, er nahm seinen Platz auf der Bank vor der Wurzelhöhle ein und steckte sich sein Pfeifchen an. Dann ging er in Gedanken noch einmal all seine Aufgaben durch und stellte zufrieden fest, dass er alles geschafft hatte. Demnächst werde ich meine Aufgaben aber sofort erledigen, nahm er sich vor und er freute sich, dass er nun wieder mit gutem Gewissen vor die große Eule treten konnte. Nichts beruhigt ja mehr, als ein reines Gewissen.

Von weitem hörte er lieblichen Gesang. es war der Vogelchor, der noch einmal eine Probe abhielt, um Clara willkommen zu heißen. Das klang so herrlich, dass Hermann beschloss, den Vögeln einen Besuch abzustatten, auch, weil er den Gesang dann besser hören konnte. Mit den Jahren waren seine Ohren schlechter geworden und das Lauschen strengte ihn an. Er machte sich also auf und lief in die Richtung von wo aus der Gesang kam. Er lief weiter und immer weiter und er hörte auch nicht mehr das Rufen seiner Frau, die schon nach ihm suchte.

Hilda war verärgert, alles musste sie allein machen. Dabei hätte sie gerade jetzt noch ein wenig Hilfe gebrauchen können. Hermann hätte noch Hagebutten sammeln sollen, die sie unbedingt für eine leckere Marmelade brauchte. Hilda schüttelte unwillig den Kopf. „Dann gehe ich eben selbst!“, beschloss sie, holte ihr Sammelkörbchen aus der Höhle und machte sich auf den Weg. Ein paar Stunden würde es noch hell bleiben und mit Clara war ja erst am späten Abend zu rechnen; möglicherweise auch erst nach Mitternacht. Wenn sich Hilda richtig erinnerte, dann war die Mitternachtsstunde für den allerersten Besuch eines Menschenkindes die richtige Zeit. Sie seufzte, aus Freude und aus Ärger, so vermischten sich die Gefühle miteinander und die Freude überwog und der Ärger war bald vergessen. Als sie allerdings mit den Hagebutten aus dem Wald zurückkam und Hermann noch immer nicht aufgetaucht war, kam ein ganz neues Gefühl dazu, die Sorge.

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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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