Eine Geschichte in zwei Sprachen

008

Leni und der Herzballon

Allein stand das Kind auf dem Friedhof. Bis auf das Rufen eines Käuzchens war es still.

Es hatte keine Angst, ganz friedlich schien die Welt. Auf dem Stein war der Name der Oma eingraviert. In der Hand hatte das Kind ein Band, an dem ein roter Luftballon in Herzform schwebte.

„Ich lasse ihn nun fliegen, dann kommt er zu dir, Oma. Ich habe dich so lieb“, flüsterte das Kind und schaute zum Himmel. Es streckte seine Hand nach oben und da das Band nur locker um die Hand gewickelt war, löste es sich leicht und der Ballon schwebte davon, höher und immer höher.

Nach einer Weile erblickte das Kind das Gesicht der Großmutter in den Wolken.

„Oma, Oma, halt ihn fest, er ist für dich“, rief Leni laut. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter an ihrem Bett sitzen.

„Hast du wieder von Oma geträumt, Leni?“, fragte diese und strich ihrer Tochter zärtlich übers Haar.

Leni nickte und kuschelte sich an die Mutter. Seit Oma nicht mehr da war, träumte Leni häufig von ihr, sie vermisste sie von ganzem Herzen.

„Mach ein wenig Platz, dann lege ich mich noch ein wenig zu dir. Es ist noch so früh.“, schlug die Mutter vor. Sie schmiegten sich aneinander und Leni schlief auch nach ein paar Minuten wieder ein.

Es war Sonntag und die Familie wollte gemeinsam zur großen Frühjahrskirmes im Dorf gehen. Leni freute sich darauf und auch Timmy, ihr kleiner Bruder, war Feuer und Flamme.

Karussell fahren war bei den Kindern sehr beliebt, besonders das Kettenkarussell liebten die beiden sehr.

Nach dem Mittagessen machten sie also eine Wanderung zum Kirmesplatz, auf dem es schon munter einherging. Es duftete köstlich nach gebrannten Mandeln, Bratwürstchen, Waffeln und allerlei anderen Leckereien.

„Wir gehen erst einmal über das ganze Gelände und schauen, was es so alles gibt!“, schlug der Vater vor. „Dann könnt ihr euch ein Karussell und eine Süßigkeit aussuchen, einverstanden?“

Doch Leni hatte nur Augen für einen Clown, der einen großen Strauß bunter Luftballons bei sich trug. Da gab es Flugzeuge, Dinosaurier, Fische und viele mehr. Leni suchte nach einem roten Herzen, fand aber keins. Sie zupfte den Clown am Ärmel.

„Hast du keinen Herzballon? Ich möchte so gern einen roten Herzballon!“, sagte sie. Der Clown schüttelte traurig den Kopf, überlegte kurz, sprang in die Luft, drehte sich um und flitzte dann wie ein Wirbelwind davon.

„Was war das denn?“ Der Vater staunte. „Was hast du ihm denn gesagt?“

„Ach, ich habe nur nach einem roten Herzballon gefragt und schon war er weg. Dabei wollte ich doch so gern so einen Luftballon haben. Ich möchte auch nicht Karussell fahren oder etwas anderes kaufen, ich möchte nur so einen Ballon.“

Leni weinte, gerade hatte sie sich an ihren Traum erinnert und nun wollte sie ihn Wirklichkeit werden lassen.

In diesem Augenblick kam der Clown zurück, er hatte in der rechten Hand den Strauß mit den vielen Ballons und links … einen glitzerroten Herzballon. Strahlend drückte er Leni den Ballon in die Hand, machte einen Diener und verschwand so schnell wie er gekommen war.

Leni war überglücklich.

Auf dem Friedhof standen vier Menschen. In der Ferne hörten sie die Musik des Rummels. Sie hielten sich an der Hand und schauten gen Himmel. Das Mädchen ließ den Ballon los, er sollte zur Großmutter fliegen und das tat er auch. Langsam stieg er gen Himmel und glänzte in der Abendsonne.

„Der ist für dich, Oma“, flüsterte Leni. Still gingen die vier Menschen nach Hause, jeder von ihnen ging seinen Gedanken nach, nur Timmy bedauerte, dass er nicht auf einer Karussellfahrt bestanden hatte.

„Morgen ist auch noch ein Rummeltag, mein Sohn!“, tröstete ihn der Vater.

Lena and the heart balloon

The child was standing alone in the cemetery. Apart from the calling of a little tawny owl everything was quiet. The child wasn’t frightened, the world seemed so peaceful. Granny’s name was engraved on the headstone. The child was holding a ribbon with a heart-shaped balloon hovering at the end.

“I’m going to let it fly now, and then it will come to you, Granny. I love you so much”, the child whispered and looked towards the sky. It stretched its hand up high and as the ribbon was only tied loosely round the hand, it slipped off easily and the balloon drifted up higher and higher.

After a while the child spotted Granny’s face in the clouds.

„Granny, Granny, hold it tight, it’s for you“, Lena shouted out. She opened her eyes and saw her Mum sitting on her bed.

“Did you have another dream about Granny, Lena?” her Mum asked and stroked her hair gently.

Lena nodded and snuggled up to her Mum. Since Granny was no longer with them, Lena often dreamt about her. She missed her from the bottom of her heart.

“Budge over a bit, and then I can lie down next to you. It’s still so early”, Mum suggested. They cuddled up together and a few minutes later Lena went back to sleep.

It was Sunday and the family wanted to go to the spring fair in the village. Lena was looking forward to it and her brother, Timmy, was so very excited. The children loved going on the rides and they loved the merry-go-round the most.

After lunch they set off to the fairground which was already heaving. The roasted almonds, sausages, waffles and all sorts of other treats smelt delicious.

„Let’s walk around the whole fairground first and see what there is!“ Dad suggested. “Then you can choose a ride and a sweet treat, ok?”

But Lena couldn’t take her eyes off the clown, who was carrying a huge bouquet of bright-coloured balloons. There were aeroplanes, dinosaurs, fish and lots more. Lena looked for a red heart, but she couldn’t find one. She tugged on the clown’s sleeve.

„Haven’t you got a heart balloon? I’d love a red heart balloon!” she said. The clown shook his head sadly, thought for a moment and then he jumped up in the air, turned around and whizzed away like a whirlwind.

„What was all that about? “ Dad was amazed. „What did you say to him?”

“Oh, I only asked him for a red heart balloon and then he disappeared. And I really only wanted such a balloon. I don’t want to go on a ride or buy anything else; I’d just like such a balloon.”

Lena started crying. She had just remembered her dream and she wanted to make it come true.

Just at that moment the clown returned with a bouquet of balloons in his right hand and in his left hand… a glittery red heart balloon. With a smile all over his face, the clown gave Lena the balloon, took a bow and disappeared as quickly as he had appeared. Lena was overjoyed.

Four people were standing in the cemetery. In the distance they could hear the music coming from the fair. They held each other’s hands and looked up into the sky. The girl let the balloon go, it was to fly to Granny and it did just that. Slowly, it floated up towards the sky and shone in the evening sun.

“That’s for you, Granny,“ Lena whispered. Quietly, the four people went back home, each of them lost in their own thoughts, only Timmy regretted not having insisted on going on a ride.

“The fair will still be there tomorrow, my son! “ his Dad said kindly.

© Regina Meier zu Verl

© Übersetzung – Helen Swetlik

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Über Regina (klatschmohnrot)

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5 Antworten zu Eine Geschichte in zwei Sprachen

  1. schnuppismama schreibt:

    Tränen der Rührung…

    Gefällt mir

  2. simonsegur schreibt:

    Schöne Geschichte, sprachlich mir persönlich ein bisschen zu dick (streichelte „zärtlich“, strahlend drückt der Clown ihr den Luftballon in die Hand, „Leni war überglücklich“) – das sind in meiner ganz privaten Sicht eher unnötige Sätze und Worte, die zuviel erklären wollen und die Wucht der Geschichte verwässern. Aber wie gesagt, ist nur meine Meinung. Deshalb komme ch zurück auf den Anfang: Schöne Geschichte 🙂

    Gefällt 1 Person

    • klatschmohnrot schreibt:

      Guten Morgen,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Sie ist schon ein paar Jahre alt und ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Es freut mich auch, dass Du nicht einfach so „drübergelesen“ hast, sondern dir eigene Gedanken, die möglicherweise eine Verbesserung sein könnten, dazu gemacht hast. So sieht für mich konstruktive Kritik aus, die mich nachdenken lässt, ob ich mich damit anfreunden kann. Vielen Dank!
      Viele Grüße
      Regina

      Gefällt mir

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