Der alte Eichbaum

als ich Kind war, spielte ich mit meinen Freunden in einem nahe gelegenen Wald. Wir bauten Buden und konnten uns stundenlang dort aufhalten. Jeder von uns hatte einen eigenen Baum, auf den nur er klettern durfte. Mein Baum war eine Eiche. sie war nicht so schön gerade nach oben gewachsen, sondern etwas kurz geraten und knorpelig, was für mich aber prima war, da ich als Kind immer voller Ängste war, dass ein Ast brechen könnte oder ich herunterfalle. Ich thronte dann auf meinem kleinen Eichbaum und fühlte mich wie die Königin der Welt.
Vor ein paar Jahren habe ich den Baum zum ersten Mal wieder gesucht und auch gefunden. Groß ist er geworden, aber noch immer unverkennbar verknorpelt und anders als andere. Das Gedicht ist auch schon ein paar Jahre alt – heute kam es mir in den sinn – habe wohl heute meinen sentimentalen Baumtag.

Ich habe in deinem Schatten gesessen,
geträumt und oft die Zeit vergessen.
In deine Rinde hab ich geschluchzt,
unter dem Dach aus Blättern Zuflucht gesucht.
Meine Sorgen, meine Freuden erzählte ich dir,
ein Gefühl von Geborgenheit fand ich hier.

Du bist noch da, verändert – wie ich,
nach so vielen Jahren besuche ich dich.
Musstest du an deinem Platze stehn,
zog ich aus, um die Welt zu sehn.
Suchte ein Heim, um Wurzeln zu schlagen,
doch dort wo ich bin, kann ich’s kaum ertragen.

Die Kraft und die Ruhe, die dich umgibt,
habe ich schon als Kind geliebt.
Und schnitt ich einst Herzen in deine Rinde,
verzeih mir, dem unwissenden Kinde.
Das, was ich gern hätte, wirst du es mir geben,
Kraft, Würde, Hoffnung – neue Freude am Leben?

© Regina Meier zu Verl

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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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13 Antworten zu Der alte Eichbaum

  1. Welch schöne Erinnerung.

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  2. Lavendelblau schreibt:

    Klasse, Regina!
    Du weißt, wie ich Bäume liebe … Deine Worte und das Gedicht, beide sprechen mir „Baumfrau“ aus der Seele.

    Ich wünsch dir und unseren beiden liebsten Freundinnen Anna und Maria, dass sich die letzte Zeile des Gedichts erfüllen mögen. Bald. Vielleicht morgen schon?

    Liebe Grüße und Danke für deine tolle Mail
    Elke

    PS: Schau mal, die letzte Zeile, würde sie so nicht noch ausdrucksstärker klingen?
    Kraft, Würde, Hoffnung … neue Freude am Leben?
    oder:
    Kraft, Würde, Hoffnung – neue Freude am Leben?

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Danke schön, liebe Elke,

      deinen Vorschlag habe ich gern angenommen und das Gedicht habe ich natürlich nicht ohne Grund gerade gestern hier gepostet!
      Möge uns die alte Eiche Kraft spenden …

      Alles Liebe und bis später
      deine Regina

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      • Lavendelblau schreibt:

        Das dachte ich mir und fühlte mich nach unserem tollen Gespräch vorhin sehr darin bestärkt. Danke dafür! Es war sehr schön und trotz der Entfernung sehr sehr nah …
        Bis morgen bei TOM 😉
        Alles Liebe
        Elke

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  3. rosadora schreibt:

    naja, ob der baum dir das geben kann…
    es ist wie mit dem wünschen an den himmel erfüllen musst du sie dir selbst.
    aber energie geben, damit du dir die wünsche erfüllen kannst, das geht schon.
    es grüsst dich
    rosadora

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Danke, liebe Rosadora,
      ja, die Bäume können Energie an uns geben – ich bin ein bekennender Baumumarmer. Natürlich hast du Recht, dass wir uns die Wünsche selbst erfüllen müssen und ob wir sie ins All schicken oder einem Baum anvertrauen, das ist egal. Gut ist es auf jeden Fall, sie auszusprechen.
      Ich wünsche dir einen schönen Tag und grüße herzlich
      Regina

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  4. mono8no8aware schreibt:

    es ist schön (mindestens) einen baum als freund zu haben; ich habe immer eine ganze reihe davon, die ich auch heute immer wieder besuche, in schlechten wie in guten zeiten, und sie sind immer für dich da, denn sie rennen nciht vor dir weg wenn es dir mies geht, so wie viele menschen in unserer spaßgesellschaft, die von depressionen und miesen launen nix wissen wollen …
    mir aber tut es immer sehr gut, diese fest verwurzelten freunde zu besuchen und mit ihnen mich auszutauschen …
    schöner text, schönes gedicht 🙂
    liebe grüße
    vom ludwig

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Guten Morgen Ludwig,
      es ist gut, Baumfreunde zu haben, das finde ich auch. Wie du schon sagst, sie rennen nicht weg, was Menschen manchmal tun, wenn sie dich gefragt haben wie es dir geht und du mit „Schlecht“ geantwortet hast. Das will niemand hören (glücklicherweise gibt es aber Ausnahmen).
      Einen schöne neue Woche dir und herzliche Grüße
      Regina

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  5. Anna-Lena schreibt:

    Sehr intensive Zeilen! Bäume sind verlässlich, Kraft spendend und lassen uns immer wieder bewundernd zu ihnen aufschauen. Sie geben uns Schatten, Zuversicht und beeindrucken mit ihrer unerschütterlichen Stärke.
    Ein Gedicht, das ich sehr gern gelesen habe.

    Mit liebem Gruß
    Anna-Lena

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  6. Follygirl schreibt:

    DANKE!
    Mir hat eine Eiche die Sprache der Bäume beigebracht.
    LG, Petra

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