Fronleichnam

Früher wurde das Krankenhaus in unserem Dorf (jetzt sind wir eine Stadt) von Ordensschwestern betrieben. Am Fronleichnamstag legten die Schwestern Teppiche aus Sommerblumen, die Kunstwerke enthielten christliche Motive . Wir sind als Kinder immer dorthin gegangen und haben die Teppiche bewundert. Tausende von Kornblumen, Margeriten, Kleeblüten und Gartenblumen wurden kunstvoll in mühevoller Arbeit auf der Straße ausgelegt. Auch die Heiligenhäuschen, von denen es hier recht viele gibt, wurden geschmückt für diesen Tag und an den Wegrändern wurden gelb-weiße Fahnen aufgestellt.

Dann gab es eine große Prozession, vorweg gingen die Messdiener und unter einem Baldachin wurde das Kreuz mitgeführt, ein kleines goldenes. Danach folgten der Priester und dann die Gemeinde. Ich habe das immer nur als Zuschauer wahrgenommen, weil ich evangelisch bin. Als Kind fand ich das ungerecht, ich wollte eigentlich gern dabei sein, denn alle meine Freundinnen waren beteiligt.

Später habe ich in dem Krankenhaus Sonntagsdienst gemacht, frühmorgens bin ich hingegangen und habe den Schwestern in der Küche geholfen, durfte auch mal Essen austragen und immer wieder habe ich bei den Patienten am Bett gesessen und mit ihnen geredet. So verbrachte ich meine Sonntage als Zwölfjährige. Eigentlich seltsam, dass ich nicht Krankenschwester oder Pflegerin geworden bin – daber das Leben nimmt manchmal Umwege und so verlor ich diese Arbeit aus den Augen, als die Schule mich mehr beanspruchte und ich in den Leistungsdruck geriet.

Erst vor ein paar Jahren holte mich das wieder ein und ich arbeitete über ein Jahr lang als Nachtwache in einem Altenheim. Nebenbei betreute ich mehrere alte Menschen zu Hause – ohne eine entsprechende Ausbildung, aber mit viel Herzenswärme und Freude. Manchmal vermisse ich das, auch wenn es anstrengend war. Warum ich das nicht mehr mache?
Die vielen Abschiede haben mir zu schaffen gemacht, immer wieder stand der Tod in der Tür und holte einen Menschen zu sich, dem meine Aufmerksamkeit galt. Ich habe mich daran nicht gewöhnen können und immer sehr gelitten.

Heute war ich wieder Zuschauer der Fronleichnamsprozession, aus meine Dachfenster heraus und ohne Blütenteppiche auf der Straße. Die Kirchenglocken läuten schon den ganzen Vormittag und ich erinnere mich an das, was ich oben geschrieben habe …

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Über Regina (klatschmohnrot)

Autorin
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8 Antworten zu Fronleichnam

  1. mono8no8aware schreibt:

    ein feiner schriftlicher beitrag zur fronleichnamsprozession … ich las und während ich las, da hatte ich das gefühl dabei zu sein, so in der nähe von dir, als zuschauer (bin auch ev.) …
    liebe feiertagsgrüße
    vom ludwig

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  2. Anna-Lena schreibt:

    Ich habe vier Jahre Schulzeit in einem katholischen Internat verbracht. Wir haben den Klostergarten und seine Wege jedes Jahr mit Blumenteppichen geschmückt. An Fronleichnam zogen wir diesen Weg durch den Garten bis zum Friedhof und dann sang der Chor. Ich erinnere mich gerne daran, auch wie jung und unbeschwert wir da noch waren…

    Ich lasse einen lieben Gruß hier ♥

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Ja, liebe Anna-Lena,

      es war sehr feierlich und völlig unkritisch habe ich das als Kind erlebt und jetzt erinnere ich mich gerade an viel mehr Begebenheiten, die mit meiner Kindheit und meinen Freundinnen und der Kirche zu tun haben. Ich habe wohl irgendwie eine Lawine ins Rollen gebracht und wünsche mir Zeit, um endlich alles aufschreiben zu können.
      Vorläufig genieße ich aber noch die Tochter-Mutter-Zeit, nur noch bis Sonntag, leider.

      Viele liebe Grüße
      Regina

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  3. Follygirl schreibt:

    Wenn man immer wieder mit dem Tod konfrontiert wird… das ist sicher schwer, „gewöhnen“ kann ich mich auch nicht daran.
    Ich bin ja nun mal nicht so ein „Menschen-Mensch“, bei mir sind es die Tiere, aber nach mehreren hundert Toten wird meine Haut immer dünner…
    Alle Hochachtung, was Du für die Menschen getan hast.
    Liebe Grüße, Petra

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Ach, liebe Petra,

      ich empfinde das nicht als etwas Besonderes, sondern eher selbstverständlich. Schließlich werden wir ja alle älter und möchten dann auch noch ein gutes Leben haben. Ein wenig macht mir Angst, dass es so oft vorkommt, dass der Geist nicht mehr mitspielt und man dadurch so sehr auf Hilfe angewiesen ist.

      Deinen Einsatz für die Tiere finde ich super, auch ich liebe Tiere sehr, habe leider meinen kleinen Hund vor kurzem verloren und das habe ich noch nicht so ganz überwunden. Aber bei uns tummelt sich eine Katzenfamilie, die mir viel Freude macht und das ist auch schön.

      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Lavendelblau schreibt:

    Als kleines Mädchen liebte ich diesen Tag mehr als Weihnachten oder Ostern. Es fühlte sich sooo schön an, mit Blümchenkörben und Kranz im Haar in der Prozession mitzulaufen. Allerdings hatte ich damals nicht begriffen, worum es eigentlich ging. Es war einfach nur schön.

    Und ja, dein tolles Engagement für Kranke und alte Menschen bewundere ich auch immer wieder so sehr. Wirst du darüber auch in deinem biografischen Roman schreiben?

    Umarmung
    Elke

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    • klatschmohnrot schreibt:

      Liebe Elke,

      danke, aber du weißt ja, dass ich das total gern gemacht habe und zwischendurch auch immer noch mache.
      Sicher werde ich darüber schreiben, denn es gehört ja zu mir und meinem Leben. Wenn ich allerdings so weitermache, dann werde ich wohl noch lange brauchen, um über das Kapitel der Kindheit hinaus zu kommen. 🙂

      Eine Umarmung auch für dich und liebe Grüße
      Regina

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